JPEG oder Raw?

Diese Frage ist fast so alt wie die digitale Fotografie und hat schon viele Diskussionen ausgelöst – sachlich und objektiv Geführte wie auch Hitzige und Verbissene! Stellt sich natürlich die Frage: „Warum muss der (also ich) jetzt auch noch seinen Senf dazugeben?“ Muss ich nicht, will ich aber! Der Grund dafür ist ein Artikel von Ken Tanaka auf The Online Photographer, der Für und Wider objektiv abwägt und klare Empfehlungen und Tipps gibt. Eines jedoch vorweg für die, welche hier eine 3- oder 4-Buchstaben-Antwort auf diese Frage suchen: Die bekommt ihr hier nicht, denn wie viele andere Fragen im Leben läßt sich auch diese nur mit einem klaren „Es kommt darauf an.“ beantworten.


Natürlich will ich den Artikel von Ken Tanaka in diesem Beitrag nicht vollständig vom Englischen ins Deutsche übersetzen und mir ist es an dieser Stelle und vorab wichtig zu betonen, dass es sich hierbei um die Meinung von Ken Tanaka handelt und ich nur meine Kommentare dazu beisteuere. Es gibt ein paar Punkte in seinem Artikel, die ich gerne hervorheben und kommentieren möchte. Soweit vorhanden würze ich das Ganze noch mit eigenen Erfahrungen und mit eigenem Bildmaterial.

„If you need Raw, shoot Raw. Simple as that.“

„Wenn Du Raw brauchst, fotografiere in Raw. So einfach ist das.“ – Das ist der erster Rat im Artikel und definiert auch gleich, wann das Fotografieren in Raw sinnvoll ist:

  • Das Bildmaterial wird für intensive Bildbearbeitung wie z.B. Vergrößerung verwendet.
  • Am Bildmaterial werden umfangreiche Tonwertkorrekturen vorgenommen.

Diese Argumentation läßt sich leicht nachvollziehen, denn das beste Kamera-JPEG verfügt über 8 bit an Helligkeitinformationen (also 256) je Farbkanal, während eine Raw-Datei je nach Kamerahersteller über 10 (heute eher selten), 12 oder 14 bit verfügt. Das bedeutet bis zu 16.384 Helligkeitsabstufungen je Farbkanal und somit deutlich mehr Farbabstufungen und Details bei der Verarbeitung.

„Why shoot JPEG? Because that’s where the money went!“

„Warum in JPEG fotografieren? Weil dort das Geld hingegangen ist!“ – Was Ken Tanaka damit wohl sagen will (und in seinem Artikel ausführlich erläutert) ist: Obwohl zwei seiner teuersten Kameras (Leica M8.2 und M9) über die wohl primitivste JPEG-Engine verfügen, so investieren die großen Kamerahersteller ordentliche Summen in die Verbesserung ihrer Bildverarbeitungstechnologien. Die Verarbeitungssysteme vereinen alle Faktoren aus Sensor, Kamera und Objektiv um das bestmögliche Bild abzuspeichern. Raw-Dateien werden unbearbeitet abgespeichert (Manche Kamerahersteller sollen auch das Raw verändern!), so dass diese bildverbessernden Ingenieursleistungen nicht angewendet und im Post-Processing selber erbracht werden müssen. Eigentlich unsinnig, viel Geld für eine Kamera auszugeben und dann die bildverbessernden Korrekturen brach liegen zu lassen, in dem man „nur“ Raw fotografiert.

Soviel von Ken Tanaka zu diesem Thema. Meine Meinung dazu ist: Da ich gerne mit Weitwinkelobjektiven fotografiere, damit typischerweise mehr oder weniger stark Abschattung, Verzeichnungen und Farbabweichungen wie chromatische Abberation oder „purple fringing“ auftreten und daher die kamerainternen Objektivkorrekturen z.B. hinsichtlich Abschattung / Vignettierung zu schätzen weiß, prüfe ich hier exemplarisch ob die Raw-Dateien von a99, a77 und NEX-7 tatsächlich unbehandelt bleiben. Hierzu habe ich bei kleinster, verfügbarer Brennweite und offener Blende direkt nach oben in den zufälligerweise blauen Himmel fotografiert. Die Exif-Daten sind in der Bildunterschrift zu sehen. Verwendet wurden:

  • a99 mit SAL F2.8/16-35Z
  • a77 mit SAL F3.5-4.5/16-80Z
  • NEX-7 mit F4/SEL 10-18

a99 mit SAL F2.8/16-35Z

a77 mit SAL F3.5-4.5/16-80Z

NEX-7 mit SEL F4/10-18

Damit wäre wohl klar, dass auch Sony die Raw-Dateien hinsichtlich Objektivkorrekturen und Abschattung verändert und das ist bei Farbabweichung und Verzerrung auch so, ohne hier den Nachweis zu erbringen. Wie gesagt: Mich stört es nicht – ganz im Gegenteil. Ich bin überzeugt, dass die Entwickler der Kameras diese Korrekturen sehr viel besser hinbekommen als jegliches manuelle Korrigieren oder Adobe Objektivprofil, egal ob von Adobe geliefert oder von Fotografen erstellt.

Ken Tanaka zieht den Vergleich (und in diesem Fall für mich vollkommen zu Recht), dass die Benutzung von Raw-Dateien gleich dem Vorgehen sei, in einem sehr guten Restaurant ein ungekochtes Gericht zu kaufen um dieses zu Hause zu Ende zu kochen. Er führt aus, dies sei wohl sinnvoll gewesen, so lange der Küchenchef noch in der Lehre war; heute seien aber viele kamerainterne Chefköche Kandiaten für einen Michelin-Stern. Er zieht daraus den Schluss, die Entscheidung für Raw zu überdenken. Das habe ich gemacht und für mich steht es durch die Objektivkorrekturen 1:0 für Raw – erspart mir Zeit im Post-Processing. Aber es gibt weitere Aspekte, die in der Überlegung berücksichtigt werden müssen:

„So the best general guidance I can offer when shooting JPEGs is to be careful with your exposures.“

„Somit ist die beste Empfehlung die ich anbieten kann: Wenn Du in JPEG fotografierst sei vorsichtig mit der Belichtung.“ – Für Ken Tanaka ist klar: Der moderne (Digital-)Fotograf ist etwas nachlässig hinsichtlich der Belichtung geworden weil die Automatisierung der Kameras zugenommen hat, viele der Kameraprogramme dies erkennen und unsere Nachlässigkeit automatisch kompensieren.

Seid ehrlich – ich persönlich finde mich darin wieder und die Mehrzahl von Euch doch auch, oder etwa nicht?! Und wenn man diese Nachlässigkeit dann auch noch mit JPEG aus der Kamera paart, darf man sich nicht über schlechtere Bilder wundern. Bei Raw-Dateien fällt eine fehlerhafte oder falsche Belichtung nicht ganz so sehr ins Gewicht (siehe oben: 12 oder 14 bit bei Raw gegenüber 8 bit bei JPEG). Aber nicht nur für JPEG, sondern auch für Raw-Dateien stimme ich ihm darin zu wenn er schreibt: Es ist ratsam etwas mehr Zeit der „Qualität“ zu widmen und sich mit der Belichtungsmessung und der internen Verarbeitung der Kamera zu beschäftigen.

Hierzu mal ein Beispiel, wie ein falsch belichtetes JPEG aussieht und was aus der entsprechenden Raw-Datei noch herausgeholt werden kann:

„What about B&W conversions?“

„Wie steht es mit der S/W-Konvertierung?“ – Achtung, jetzt kommt der Teil, der für alle S/W-Fans wichtig ist! Das ist etwas, was ich bisher so noch nicht betrachtet habe, aber Ken Tanaka macht das in seinem Artikel mit einem Beispiel deutlich und klar nachvollziehbar. Er schreibt (freizügig übersetzt): „Schwarz-/Weißkonvertierung ist technisch und ästetisch anspruchsvoller als ‚einfache‘ Tonwertkorrektur. Reichhaltige Farbdaten auf einige wenige Graustufen zu reduzieren ist kniffliger als eine einfache Entsättigung.“

Hand auf’s Herz: Wer kennt sie nicht, die Suche nach Perfektion im manuellen S/W-Prozess durch hin- und herschieben verschiedenster Regler? Ich habe diese Suche oft genug praktiziert und widerspreche daher nicht seiner Empfehlung für Bilder, deren Bestimmung im Schwarz-Weißen liegen:

  1. Ausprobieren, ob die Kamera eine Konvertierung vornimmt, die dem eigenen Anspruch genügt.
  2. Wenn nicht, gibt es immer noch die Speicheroption Raw+JPEG, um die für S/W bestimmten Bilder in Raw zur Verfügung zu haben.

Mit seinem Beispiel möchte Ken Tanaka verdeutlichen, dass die S/W-Konvertierung die Grenzen von JPEG aufzeigen kann, besonders dann wenn Farbverläufe in wenige Grauabstufungen gequetscht werden sollen. Ich habe sein Beispiel mit dem sanften Farbverlauf versucht nachzustellen. Das ist das Motiv: Sonnenaufgang in der Eifel, Fokussierung auf unendlich.

Raw, ohne Bearbeitung aus Lightroom 4

Hier nun die beiden Schwarz-Weiß-Bilder, die es zu vergleichen gilt. Links Schwarz-Weiß mit einfacher S/W-Konvertierung per Lightroom aus der Raw-Datei, rechts das S/W-JPEG aus der Kamera:

Farbverlauf_BW_LR-ooc

In dieser Größe für das Internet läßt sich so gut wie kein Unterschied erkennen. Bei genauerer Betrachtung der linken Ecke oberhalb der schwarzen Fläche meine ich im JPEG aus der Kamera (rechts) mehr Artefakte zu erkennen als auf dem linken Bild. Schauen wir uns diese Ecke mal in der 1:1-Ansicht an:

100Pz_Ansicht_RawtoJPG_vs_JPGooc

Damit wäre Ken Tanakas Empfehlung bestätigt, für Bilder die der Verwendung in Schwarz-Weiß zugeführt werden sollen, besser die Speicherung in Raw zu nutzen. Für mich steht es nun 2:0 für Raw.

Hier noch die beiden Bilder in voller Auflösung zum Download und zum selber vergleichen:

S/W JPEG aus der Kamera, S/W JPEG in Lightroom aus Raw konvertiert

Abschließend gibt Ken Tanaka noch ein paar Tipps für den JPEG-Fotografen:

  • „Exposing-to-the-right“ ist nicht immer die beste Methode für JPEG. Es gibt Lichtsituation wie Motive mit großem Schattenanteil und wenigen, hellen Stellen, die von einer negativen Kompensation profitieren. Hier birgt „exposing-to-the-right“ die Gefahr, dass die Lichter ausfressen und wertvolle Details verloren gehen.
  • Vorsicht bei kamerainternen Bildberechnungsmodi, die die Auflösung reduzieren. Einige Kameras verwenden z.B. für die Verminderung von Rauschen bei Nacht- oder Dämmerungsszenen Techniken, bei denen einzelne Pixel gelöscht werden (pixel-binning) und so die Auflösung reduzieren.
  • Im Wesentlichen ist die Bearbeitung von JPEG-Dateien in Lightroom und Bridge identisch mit der Bearbeitung von Raw-Dateien (Zumindest erwartet Ken Tanaka, dass man den Unterschied nur selten sieht.)
  • JPEGs aus der Kamera zeigen die Eigenheiten des Sensors und des Objektivs deutlicher als eine, z.B. in Lightroom bearbeitete Raw-Datei.

Fazit

JPEG oder Raw? 1022 zusätzliche Wörter bis zum Fazit zu diesem Thema und wieder keine abschließende Antwort auf diese Frage – habt ihr was Anderes erwartet. Ich für mich hingegen habe eine Antwort auf die Frage gefunden – für mich ganz persönlich, auch wenn es am Ende 2:0 für Raw steht und Raw die Partie für sich entschieden hat:

JPEG und Raw

Für mich entscheidet es sich mit der S/W-Konvertierung: Meistens ist es für mich beim Blick durch den Sucher klar, ob das Bild, das Motiv seinen Weg zum Schwarz-Weißen findet. Doch manchmal entscheide ich mich auch erst im Post-Processing, wenn ich das Bild auf dem Computerbildschirm habe und es dort besser bewerten kann. Um mir diese Option in vollem Umfang offen zu halten bleibe ich bei der Raw-Speicherung. Mal ganz abgesehen davon, dass ich bisher immer noch die Zeit gefunden habe, meine Bilder durch den Raw-Prozess zu schleusen.

In seinem Fazit schreibt Ken Tanaka, dass Besitzer einer aktuellen Kamera (Stand 03/2012), die den Bildprozessor ihrer Kamera bisher ignoriert haben, es sich selber schuldig sind diesen zu entdecken, selbst wenn man ein Fahnenträger der „Raw-Fraktion“ ist. Tatsächlich kann man die Zeit für die Nachbearbeitung in z.B. Lightroom besser verwenden und wenn es nur für die genauere Betrachtung der eigenen Bilder ist.

Da die Preise von Speicherkarten mit entsprechender Kapazität heute nicht mehr das Konto leer räumen, werde ich zukünftig JPEG + Raw als Speicheroption verwenden und mir häufiger noch mehr Zeit für das Motiv nehmen; mit dem Vorsatz: Weg von der Nachlässigkeit und hin zu noch mehr Sorgfalt bei der Belichtung. Und nicht zuletzt auch um den BIONZ-Bildprozessor und dessen Eigenheiten der jeweiligen Kamera besser kennenzulernen. Dabei werden mich die hochauflösenden, elektronischen Sucher der Sony-Kameras mit Echtzeit-Vorschau des Aufnahmemodus und der Belichtungseinstellung unterstützen.

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1 Antwort zu JPEG oder Raw?

  1. Christoph sagt:

    Habe mich an meiner A7 auf JPEGs eingefahren, da ich die interne Bearbeitung durch Sony schon sehr gut finde. Meine Fotos der A7 in Verbindung mit dem FE35 oder FE55 sind in den meisten Fällen sehr ordentlich. Meistens beschneide ich nur noch. Das spart am Ende sehr viel Zeit und die Fotos können schnell weitergereicht oder verteilt werden.
    Wenn ich weiß, dass die Belichtung ein Problem sein wird, nehme ich zusätzlich RAW auf. Da weiß ich dann schon im Vorfeld, dass das Arbeit bedeuten wird 😉

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