Minolta MD 70-210 F4 – eine günstige Telezoom-Alternative?

Groessenvergleich_70-210_70-200_smallengSony ist bislang der einzige Anbieter von spiegellosen Kameras mit Sensoren im Kleinbildformat und auch das vollformattaugliche Objektivprogramm deckt mittlerweile alle Brennweitenbereiche bis 200mm ab; adaptiert auch darüber hinaus. Im Telezoombereich gibt es das sehr gute FE 70-200 G OSS, aber nicht jeder möchte 1.349,00 Euro (UVP) für ein Telezoom ausgeben (Sony 70-200 mm, F4 G OSS bei Amazon.de). Gebrauchte Alternativen gibt es im Umfeld der adaptierten Objektive viele, jedoch keine die so unschlagbar günstig ist wie ein Minolta MD 70-210 F4 Schiebezoom, welches ich euch hier im Detail vorstellen möchte.

Das Objektiv

Das Minolta MD Zoom 70-210mm F4 (Minolta MD 70-210 F4 bei eBay.de) ist ein komfortables Schiebezoom aus dem Jahr 1983, besteht optisch aus 12 Elementen in 9 Gruppen, hat einen Durchmesser von 72 mm und eine Länge von 153 mm ohne und 185 mm mit angesetztem E-Mount Adapter bei einem Gewicht von 635 Gramm. Im Vergleich dazu wiegt das neue SEL FE 70-200 mm F4 G OSS von Sony 840 Gramm ohne Stativschelle bei 80 mm Durchmesser und einer Länge von 175 mm, verfügt dafür aber über einen Ultraschall angetriebenen Autofokus und integrierte, optische Bildstabilisierung. Die Brennweitenverlängerung per Schiebezoom am Minolta MD 70-210 F4 führt nicht zu einer Verlängerung des Objektivs; lediglich beim Fokussierung im Nahbereich verlängert sich das Objetiv um maximal 17 mm. Die Naheinstellgrenze liegt beim MD 70-210 bei 1,1 m und beim FE 70-200 bei 1 m; beide verfügen über eine Offenblende von 4. Abgesehen von AF und OSS soweit also kaum Unterschiede in den Zahlen; preislich liegen zwischen diesen beiden Objektiven jedoch Welten: Das MD 70-210 habe ich für 65,00 € zzgl. gebrauchtem Novoflex-Adapter (70,00 €) erworben, das FE 70-200 G OSS gab es für 1.349,00 €, was einem Faktor von 10 entspricht.

An der Sony alpha 7

Wenn ich die Kombination aus Sony alpha 7 und Minolta MD 70-210 F4 mit geschlossenen Augen in die Hand nehme, fühle ich mich an die Zeit des 35mm-Films erinnert, als ich das gleiche Objektiv an der Minolta XD-7 hatte – das war vor ca. 20 Jahren und ich ärgere mich täglich darüber, welche MC- und MD-Optiken ich damals verkauft, ja fast verramscht habe. Aber alles Gute kommt wieder, ist man geneigt zu sagen. Insgesamt vermittelt das Paar bei entsprechender, richtiger Kamerahaltung ein ausgewogenes Gefühl. Der breite, geriffelte Bereich für den Schiebezoom liegt gut in der Hand und vermittelt eine wertige Haptik sowie die nötige Griffigkeit um Kamera und Objektiv in der Einstellung auf 210mm Brennweite auch mal alleine in der linken Hand ruhen zu lassen. Bei der Einstellung auf 70mm (Zoomschieber ganz vorne) zieht die Schwerkraft etwas mehr an der Kamera, was sich aber nicht unangenehm anfühlt. Lediglich beim Umgreifen vom Schiebezoom zum Blendenring merkt man die Kopflastigkeit des Gesamtsystems, wenn die Kombination nur über den Handgriff der Sony alpha 7 gehalten wird. Das ist aber mit dem Sony FE 70-200 mm F4 G OSS nicht anders und überhaupt gleichen sich beide Objektive hinsichtlich der Größe:

Groessenvergleich_70-210_70-200_small

Abbildungsleistung

Betrachten wir als Erstes das Minolta MD 70-210 mm F4 alleine. Die Testbilder mit den Brennweiten 70, 100, 150 und 210 mm bei Blende 4 habe ich gemacht weil mir der Verkäufer das Objektiv vorab vor Bezahlung zur Begutachtung überlassen hat und ich mir ein sprichwörtliches Bild verschaffen wollte. Insgesamt bin ich mit der Abbildungsleistung an der Sony alpha 7 mehr als zufrieden, wenn man bedenkt, dass es sich hierbei um ein Objektiv für 65,00 € handelt. Tatsächlich ist mit ein wenig Korrektur bei Schärfe und Farbfehlern wie CA noch eine deutliche Verbessung zu erzielen, wie examplarisch durch nachfolgende Bilder bei 70 und 210 mm zu sehen ist. Eine Schwäche hat das Objektiv: Ab 150mm bis 210 mm tritt im oberen rechten Bereich eine Unschärfe auf, die weder durch präzises, manuelles Fokussieren noch in der Nachbearbeitung korrigierbar ist. Wenn man das weiß und beim Fotografieren berücksichtigt kann man damit sehr gut leben. Nachfolgend Ausschnitte aus der Bildmitte in der Größe 1800 x 1200 Pixel aus den RAWs ohne und mit Nachbearbeitung (Lightroom: Schärfe 60, Radius 0,9 und Chromatische Aberration entfernen) bei 70, 100, 150 und 210 mm und Offenblende F4:

70mm_mitte70mm_mitte100mm_mitte100mm_mitte150mm_mitte150mm_mitte210mm_mitte210mm_mitteKommen wir aber zum direkten Vergleich des Minolta MD 70-210 mm F4 mit dem Sony FE 70-200 G OSS. Alle Bilder, auch die mit dem FE 70-200 G OSS sind mit deaktivierter Objektivkorrektur und manuellem Fokus in RAW gemacht und ohne Veränderungen an Belichtung, Kontrast, Objektivkorrektur oder Sonstigem 1 zu 1 aus Lightroom exportiert. Beim FE 70-200 G OSS wurde zusätzlich noch der optische Stabilisator deaktiviert, um vergleichbare Ergebnisse zu erstellen. Nachfolgende Aufnahmen wurden ohne Nachschärfen per IrfanView-Batch auf 1200 Pixel an der langen Kante verkleinert.

Farben, Kontraste und Schärfe

Das Minolta MD 70-210 mm F4 produziert bei gleicher Blende und gleicher Belichtungszeit (hier 1/640 Sekunde) etwas kräftiger Farben und Kontraste:

DSC00152_1200
FE 70-200 @ 102mm, F5.6

DSC00155_1200
MD 70-210 @ 100mm, F5.6

Die Schärfe lässt beim Minolta MD im oberen Bildteil etwas zu wünschen übrig:

Vergleich_152_155_1Im Zentrum ist die Schärfe jedoch durchaus vergleichbar:
Vergleich_152_155_2
Im Gegenlicht hingegen gefällt mir die wärmere Farbgebung des Sony FE 70-200 G OSS besser; hier wirkt das Bild aus dem Minolta MD deutlich kühler:

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FE 70-200 @ 200mm, F4

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MD 70-210 @ 200mm, F4

Bokeh

Hinsichtlich der Abbildung der Unschärfe gibt es kaum nennenswerte Unterschiede. Mir gefällt das Bokeh des Minolta MD 70-210 bei Offenblende F4 ein klein wenig besser.

DSC00166_1200
FE 70-200 @ 200mm, F4

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MD 70-210 @ 200mm, F4

Verzeichnung

Die Verzeichnung bei 70mm ist bei beiden Objektiven gering bis nicht wahrnehmbar, was auch DXO Mark zumindest für das Sony FE 70-200 mm F4 G OSS bestätigt.

Copyright: DXO Mark – Straight grid as seen by camera, Sony FE 70-200mm F4 G OSS on Sony A7R @ 70mm

Hierzu die passenden Bilder von beiden Objektiven mit deaktiverter Objektivkompensation in der Kamera:

DSC00173_1200
FE 70-200 @ 70mm, F4

DSC00172_1200
MD 70-210 @ 70mm, F4

Abbildungsfehler bei Gegenlicht

Die beiden nachfolgenden Bilder bringen mich ein wenig in Erklärungsnot und lassen am Ende eine Frage offen: „Warum wird ein Bild mit gleichem Bildausschnitt von der Kamera mit einer ganzen Blende unterschiedlich belichtet?“. An der Bildnummer kann man erkennen, dass mir das bereits vor Ort nach der Aufnahme aufgefallen ist und ich versucht habe einen Fehler beim Fotografen oder in der Kameraeinstellung zu finden, aber alle Aufnahmen mit dieser Lichtsituation sind um eine Blende geringer belichtet – mit einer Ausnahme: In einem Bild ist mir eine Person ins Bild gelaufen, was die Belichtungszeit auf 1/3200 Sek. verlängert hat. Jemand eine Idee?

DSC00184_1200
FE 70-200 @ 110mm, F8, 1/2000 Sek.

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MD 70-210 @ 100mm, F8, 1/4000 Sek.

Die beiden folgenden Bilder zeigen dieses Verhalten nicht, zeigen aber – wie auch schon die beiden vorherigen Bilder – die Neigung des Minolta MD 70-210 F4 zu einer leichten Vignettierung.

DSC00205_1200
FE 70-200 @ 70mm, F4

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MD 70-210 @ 70mm, F4

Im Detail betrachtet ist hier beim Minolta MD 70-210 F4 im Gegensatz zum Sony FE 70-200 G OSS (bei deaktivierter Objektivkompensation) das Auftreten von chromatischer Aberration erkennbar:

Vergleich_205_206_1
chromatische Aberration beim Minolta MD 70-210 F4

Mit zwei Klicks ist diese jedoch in Lightroom leicht zu entfernen; der JPG-Fotograf ist hier leider der Verlierer, den er muss das Bild trotzdem noch nachbearbieten:

Vergleich_205_206_2
chromatische Aberration beim Minolta MD 70-210 F4 in Lighroom aktualisiert: Chromatische Aberation entfernen, Intensität 11, Lila Farbton 30/91

Mein Fazit

Weder die Sony alpha 7 noch die Sony alpha 6000 verfügen über eine Sensorstabilisierung, was den Fotografen mit der Kombination Sony alpha 7 und Minolta MD 70-210 F4 gute 10 – 15 Jahre in der modernen Kameraentwicklung zurückwirft. An der Sony alpha 7 II ist das wegen der integrierten Sensorstabilisierung etwas anders, jedoch erfordert ein Zoomobjektiv eine permanente Anpassung der Brennweite in den Einstellungsoptionen für die Stabilisierung um eine optimale Stabilisierung zu erreichen – eher nicht praktikabel. Bleibt zu prüfen, ob z.B. die Einstellung 135mm ein Wert wäre, der für den gesamten Brennweitenbereich funktioniert.

Blendet man den elektronischen Sucher mal aus fühlt sich das Minolta MD 70-210 F4 an der Sony alpha 7 an wie damals an der guten, alten Minolta XD-7. Wie auch schon früher sind Belichtungszeiten unter 1/200 Sekunde bei 200 mm Brennweite ohne Stativ eine Herausforderung, die aber durchaus zu bewältigen ist, denn hier greift die altbekannte Regel vollumfänglich, dass die Belichtungszeit den Kehrwert der Brennweite nicht überschreiten sollte. In solchen Situation spielt das FE 70-200 mm F4 G OSS mit aktivierter Stabilisierung selbst an der nicht stabilisierten Sony alpha 7 Mark I sein Können aus.

Mit dem Minolta MD 70-210 mm F4 den gleichen Bildausschnitt zu treffen ist mir nicht immer beim ersten Mal gelungen; die am Schiebezoom aufgedruckten Brennweiten sind im Gegensatz zum Drehzoom am FE 70-200 G OSS eher Richtwerte, was aber in der Praxis außer für einen Vergleich in dieser Art keine Relevanz hat, denn die Wahl der Brennweite erfolgt schließlich nicht über die Brennweiten-Skala am Objektiv sondern über den Bildausschnitt im Sucher. Ebenso unbedeutend ist in der Praxis, dass die Belichtungsmessung an der Sony alpha 7 mit angesetztem Minolta MD 70-210 mm F4 je nach Lichtsituation eine Tendenz zur Unterbelichtung bis zu einer Blende hat; der Grund dafür erschließt sich mir nicht.

Wer also auf Autofokus und optische Stabilisierung (außer an der Sony alpha 7 II) verzichten kann und nicht auf ein schnell fokussierendes Objektiv wie z.B. für Nachführ-Autofokus angewiesen ist, erhält mit dem Minolta MD 70-210 mm F4 ein optisch zufriedenstellendes und dabei unauffälliges Glas. Dabei ist der Schiebezoom mit kombiniertem Fokus durchaus als komfortabel zu bezeichnen. Natürlich fehlen Features wie Stabilisierung, Fokusbegrenzung (wofür auch) und Objektivkorrekturen bei diesem Objektiv, aber wenn man in RAW fotografiert gibt es nichts, was sich nicht z.B. in Lightroom korrigieren läßt (siehe chromatische Aberration).

Ein kleiner Wermutstropfen ist die fehlende Stativschelle, die sich jedoch über den Zubehörmarkt ergänzen lässt, wie z.B. über einen Objektivadapter MD auf NEX von Novoflex mit passender Stativschelle.

Download und Links

Weitere Bilder und Bildausschnitte mit dem Minolta MD 70-210 mm F4 an der Sony alpha 7 und Sony alpha 6000 gemacht findet ihr im Artikel Zuwachs beim Altglas: Minolta MD 70-210 F4.

Alle Bilder (JPG und RAW) aus diesem Beitrag findet ihr hinter diesem Link: Klick!

Sony 70-200 mm, F4 G OSS bei Amazon.de
Sony FE 70-200 F4 G OSS bei eBay.de
Minolta MD 70-210 F4 bei eBay.de

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4 Antworten zu Minolta MD 70-210 F4 – eine günstige Telezoom-Alternative?

  1. roseblood11 sagt:

    Hallo,
    schöner Vergleich, und eine Bestätigung mehr, das MD70-210 öfter mal aus der Schublade zu holen.
    Hatte sich bei der Frage nach der unterschiedlichen Belichtung was ergeben?
    Evtl. meint die Kamera, hier etwas kompensieren zu müssen, denn sie kennt ja beim FE die Brennweite und die eingestellte Entfernung. Da es hier nur am langen Ende bei Fokus auf unendlich zu sehen ist, wäre ein Test bei 70mm und Nahgrenze interessant.

    • J. Haag sagt:
      Verfasser

      Hallo, Danke für den Beitrag. Nein, die Frage nach der unterschiedlichen Belichtung hat sich nicht geklärt, aber der Hinweis auf die Brennweite kling interessant. Ein Test bei 70mm ist sicherlich interessant, aber leider fehlt immer wieder die Zeit.

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