JOBO LensTRUE – proportionsgerechte Perspektivkorrektur

Jeder, der schon mal ein Gebäude von unten nach oben fotografiert hat, hat sich bestimmt darüber gewundert, dass das Gebäude auf dem Foto anders aussieht als bei der Betrachtung ohne Kamera. Wir sprechen hier von stürzenden Linien, die immer dann auftreten wenn diese Linien nicht parallel zu Abbildungsebene, also dem Film oder Sensor verlaufen. Fotografisch löst man dieses Problem der Objekt- oder Architekturfotografie mit Tilt-/Shift-Objektiven oder einer Fachkamera. Die Gummersbacher Firma JOBO bietet mit dem Produkt LensTRUE einen alternativen Ansatz zur nachträglichen Korrektur und Entzerrung des Bildmaterials, den ich euch heute vorstellen möchte.

ThisArticleInEnglishDie Herausforderung: Proportionen und stürzende Linien

Jeder Fotograf kennt es: Wenn mit kleinen Brennweiten aus erhöhter oder niedriger Perspektive fotografiert, also wenn die Kamera nach unten oder oben verschwenkt wird, entstehen stürzende Linien und die Proportionen der Objekte verändern sich. Dabei sieht das Motiv verzerrt aus, also Gebäude z.B. so als wenn sie nach hinten kippen würden und Personen haben z.B. einen zu kleinen oder zu großen Kopf im Verhältnis zum Rest des Körpers. Zur Veranschaulichung zwei Beispielaufnahmen, die ich aus dem Archiv herausgesucht habe:

Blick vom Altstädter Rathaus auf Teynkirche
Prag, Blick vom Altstädter Rathaus auf Teynkirche
Mallorca 2013, Capdepera, Carrer Major
Mallorca 2013, Capdepera, Carrer Major

Beim Bild aus Prag mit dem Blick vom Altstädter Dom fällt auf, dass z.B. die Häuser am linken Bildrand nach vorne, also in Richtung Fotograf kippen. Beim Bild aus Capdepera, Mallorca ist zu erwähnen, dass hier die Kamera in drei Richtungen verschenkt wurde, so wurde die Kamera um die Y-Achse gedreht und damit ist die Abbildungsebene nicht parallel zur Hausfront, die Kamera wurde in der Z-Achse gekippt um die linke Hauswand parallel zum Bildrand auszurichten und somit deutlich aus der Waagerechten gedreht und zusätzlich wurde die Kamera um die X-Achse nach oben gerichtet um das Haus als Ganzes aufnehmen zu können. Als Ergebnis ist deutlich zu erkennen, wie die rechte Hausecke nach hinten kippt.

Bleiben wir bei diesen beiden Aufnahmen und schauen uns an, welche Möglichkeiten der Entzerrung z.B. Lightroom bietet, welches seit der Version 5 über die Objektivkorrektur „Upright“ verfügt. Das Bild aus Prag wurde mit der Upright-Funktion „Vertikal“ bearbeitet und dann ohne beschränkten Zuschnitt aus Lightroom exportiert – hier die beiden Bilder im direkten Vergleich nebeneinander:

Besonders am linken Bildrand sieht man, wie die Hausfassade nun gerade ausgerichtet wurde und nun parallel zum Bildrand verläuft. Gleiches gilt übrigens für fast alle senkrechten Linien im Bild, mit Ausnahme des rechten Bildrand.

Das Bild aus Mallorca nachstehend links im Original, in der Mitte mit der Verwendung von LR-Upright „Vertikal“ und rechts mit der Anwendung der LR-Objektivkorrektur Upright „Voll“:

In dieser 3er-Serie sieht man deutlich, wie LR-Upright „Vertikal“ sich nur auf die Korrektur der stürzenden Linien beschränkt und dabei die Proportionen vollkommen unberücksichtigt lässt. Die LR-Upright Funktion „Voll“ korrigiert das Bild dahingehend, dass versucht wird die Zentralprojektion anzuwenden, d.h. das Bild wird so verändert um den Eindruck zu erwecken, dass der Fotograf zum Zeitpunkt der Aufnahme zentral vor dem Objekt gestanden hat. Dabei entsteht der größte Verlust an Bildinformation bei einer optionalen Beschränkung des Zuschnitts, wie das nachstehende Bild zeigt bei einem Beschnitt auf das Seitenverhältnis 1:1:

Zuschnitt in Lightroom auf Seitenverhältnis 1:1

Zusätzlich zum Verlust an Bildinformationen kommt auch die Veränderung der Bildqualität. Am linken Bildrand ist das durch das Stauchen der Hausecke und die Reduzierung der Pixel nicht so auffällig wie am rechten oberen oder unteren Fenster, welche hier deutlich größer sind als im Ausgangsbild und diese fehlenden Informationen nur durch Interpolation hinzugerechnet werden können. Das Lightroom diese Aufgabe nur mäßig gut erledigt zeigt die vergrößerte Ansicht des Bildes. Dies wäre einer der Punkte, die bei JOBOs LensTRUE zu prüfen sind.

In der Box

DSC02191Kommen wir also zum Herausforderer LensTRUE von JOBO. Das LensTRUE System wird in einer schicken Box geliefert und enthält neben einem gedruckten Schnelleinstieg und dem LensTRUE meter, welches unter die Kamera geschraubt wird, auch einen kleinen USB-Stick mit dem PDF-Handbuch und der Software LensTRUE Visualizer der gleichzeitig auch als Lizenz-Dongle funktioniert wenn das LensTRUE meter nicht an den Rechner angeschlossen ist. Zusätzlich sind im Paket noch ein USB-Kabel zum Anschluss des LensTRUE meter an den Rechner und ein Kabel zum Anschluss des LensTRUE meter an die PC-Syncbuchse der Kamera (multiUSB-Anschluss bei den Spiegellosen) enthalten – die Kabel sind hier nicht abgebildet. Hierzu eine Anmerkung: Das Kabel für die Verbindung zwischen LensTRUE meter und PC-Syncbuchse ist gedacht um das Auslösesignal vom PC-Syncanschluss (häufig für Studioblitzanlagen verwendet) abzugreifen wenn der Anschluss für einen Fernauslöser (Kabel oder Funk) eben von einem solchen belegt ist. Besitzer einer spiegellosen Sony-Kamera haben nun folgendes Problem, wenn z.B. Bilder vom Stativ und unter Verwendung eines Kabelauslösers, der an die multiUSB-Buchse angeschlossen wird, gemacht werden sollen. Die spiegellosen Sonys haben keinen PC-Syncanschluss – dieser fehlt wohl aus Platzgründen – und der multiUSB-Anschluss ist vom Kabelauslöser belegt. Eine Möglichkeit wäre der Anschluss des Sync-Kabels über einen aufgesteckten Blitzadapter mit PC-Syncbuchse. Ideal wäre ein multiUSB-Adapter, mit dem man sowohl den Kabelauslöser als auch das LensTRUE meter an die Kamera anschliessen könnte. Besitzer von unterstützten Sony-Kameras mit A-Mount wie z.B. der Sony alpha 99 sind davon nicht betroffen, denn die Kamera verfügt über einen PC-Syncanschluss.

Das wichtigste Merkmal des LensTRUE Systems ist wohl die Entzerrung stürzender Linien unter Beibehaltung der Proportionen bis zu einem Neigungswinkel von 35° (Shift-Objektive beispielsweise unterstützen nur 11°). Weitere Merkmale des System sind neben der Korrektur einer Kissen- oder Tonnenverzeichnung des Objektivs, die Integration eines RAW-Konverters und die Möglichkeit einer individuellen, manuellen Korrektur.

Für den Preis von 990 € inkl. MwSt. darf man etwas erwarten – also schauen wir uns an, was die Kombination aus Hard- und Software zu leisten vermag. Hierbei steht für mich ganz klar der Vergleich zu Lightroom im Vordergrund, denn wie erwähnt bietet Lightroom seit der Version 5 die Upright-Funktion.

Architektur

Beispiel 1: Das Tommy-Weisbecker-Haus, Wilhelmstraße, Berlin

Eines der ersten Bilder mit der ILCE-7RII habe ich mit angeschlossenem LensTRUE-System gemacht. Mir hat dieses Motiv gefallen, weil genau zum Zeitpunkt, als ich mich vor dieses Haus stellte, die Sonne durch den kleinen Spalt zwischen Tommy-Weissecker-Haus und dem Nachbarhaus schien – hier das Original aus Lightroom mit angewendeter Objektivkorrektur (Verzeichniskorrektur per Objektivprofil):

Original + Objektivkorrektur
Original mit angewendeter Objektivkorrektur

Im „Automatikmodus“ erzeugt der LensTRUE Visualizer folgendes Ergebnis exportiert als Vollbild und in der beschnittenen Variante:

 

Obwohl der LensTRUE Visualizer die shots.txt, die ich zuvor in das entsprechende Verzeichnis mit den Bildern kopiert habe und die alle Neigungswerte der Kamera zur Verfügung stellt, richtig interpretiert – die intelligente Zuordnung funktioniert hervorragend – kippt das Haus leicht nach rechts. Es handelt sich hierbei keinesfalls um eine optische Täuschung, denn bei Auflage des Rasters ist klar zu erkennen, dass das Haus nicht richtig gerade ausgerichtet wurde, wie nachfolgender Screenshot zeigt:

DSC00003_Screenshot_Auto
Screenshot LensTRUE Visualizer

Durch anpassen der Transformation (X +0.6, Y -1.4 und Z -0.2) wurde folgendes Ergebnis als Vollbild und im Beschnitt erzielt:

Dazu nun im Vergleich das Resultat, welche mit der Upright-Funktion in Lightroom 6, manueller Anpassung wie folgt (Upright vertikal, Vertikal +18, Horizontal -4, Drehen +0.2) und anschließendem Beschnitt erzielt wurde:

Auf den ersten Blick sehen die Ergebnisse gleich aus. Schaut man aber genau hin, so erkennt man, dass in Lightroom die Proportionen der rechten Hälfte des Tommy-Weisbecker-Hauses nicht stimmen. Ich habe versucht das noch besser in Lightroom zu korrigieren, aber das ist ein schier unmögliches Vorhaben, denn irgendeine Proportion ist immer falsch, ob es der Wagen am rechten Bildrand ist oder irgendeine Ecke am Haus. Als Fazit gefällt mir bei genauem Hinsehen das Resultat aus LensTRUE am besten, welches ich dann auch final für die veröffentlichte Variante mit abschließender Bearbeitung genommen habe:

Tommy-Weisbecker-Haus, Wilhelmstraße
Finales Bild, korrigiert per LensTRUE, Bearbeitung LR

Beispiel 2: altes Portal Anhalter Bahnhof, Stresemannstraße, Berlin

Als zweites Beispiel aus der Architekturfotografie habe ich ein Motiv gewählt, welches extreme Korrekturen erfordert, bedingt durch den kurzen Abstand zum Motiv und die damit verbundene, starke Neigung von 23,7°:

Original + Objektivkorrektur
Original mit angewendeter Objektivkorrektur

Bei diesem Beispiel habe ich die gleichen Schritte wie bei Beispiel 1 angewendet – werfen wir also zuerst einmal einen Blick auf die automatische Entzerrung durch den LensTRUE Visualizer ohne und mit Beschnitt:

Bedingt durch die kurze Entfernung zwischen Kamera und Motiv und die starke Neigung entsteht bei der vollständigen Korrektur der stürzenden Linien ein derart starker Beschnitt, der das Bild ohne „Hinzuerfinden“ von Bildinhalten unbrauchbar macht. Deshalb habe ich auch hier die Transformation manuell durch das Einstellen von +15 auf der X-Achse angepasst um die Korrektur zu reduzieren und somit den Bildverlust einzudämmen:

Durch die Reduzierung der Korrektur zeigt das Motiv zwar wieder stürzende Linien, jedoch wirkt der Überhang an der Spitze der vorderen Säule nicht mehr ganz so übertrieben. Werfen wir noch einen Blick welche Ergebnisse in Lightroom erzielt werden können – im ersten Schritt durch einen Klick auf „Vertikal“ der Upright-Funktion, wieder als Vollbild und in der beschnittenen Variante:

Vergleichen wir nun die beschnittenen Ergebnisse von LensTRUE Visualizer und Lightroom Upright in der automatischen Version ohne manuellen Eingriff:

Bei diesem Motiv mit extremen Standpunkt und starker Neigung gefällt mir das Ergebnis aus Lightroom beim Vergleich der automatischen Korrektur besser, denn, auch wenn LensTRUE die Proportionen korrekt abbildet, so wirkt die Dachspitze der ersten Säule auf mich einfach zu groß und dominant; das Lightroom-Ergebnis, auch wenn es in der proportionalen Darstellung rechnerisch falsch ist, wirkt auf mich gefälliger und natürlicher. Bleibt noch der Blick auf das Lightroom-Resultat bei manuellem Eingriff durch Reduzierung der Korrektur in der Vertikalen um -9 sowie der Vergleich der beiden manuell angepassten Korrekturen aus LensTRUE Visualizer und Lightroom:

In Beispiel 2 gefällt mir letztlich die manuell angepasste Korrektur per Lightroom Upright besser und das aus zwei Gründen:

  1. Die Proportionen sind vielleicht nicht mathematisch korrekt, wirken aber nicht so übertrieben wie beim Ergebnis aus LensTRUE Visualizer
  2. Im Ergebnis aus Lightroom bleiben trotz geringerer Ausprägung der stürzenden Linien (siehe hintere Säule am linken Bildrand) mehr Bildanteile übrig (siehe oben rechts oder vor der ersten Säule)

Beispiel 3: Virtueller Perspektivwechsel

In diesem Beispiel geht es darum eine Besonderheit des JOBO LensTRUE Systems zu zeigen: den virtuellen Perspektivwechsel. Hierbei geht es darum das Objekt im Bild möglichst so darzustellen als hätte man es aus der Zentralperspektive aufgenommen, also direkt mittig vor dem Gebäude stehend. Sinnvoll ist das z.B. dann, wenn diese Aufnahmeposition aus baulichen Gründen nicht eingenommen werden kann – wie bei der folgenden Aufnahme:

Original
Original

Die LensTRUE Visualizer Autokorrektur erzeugt folgendes Ergebnis als Vollbild und entsprechend beschnitten:

Im LensTRUE Visualizer habe ich nun über eine Korrektur von -12° in der Y-Achse einen virtuellen Perspektivwechsel durchgeführt und somit eine fast zentralperspektivische Sicht erzeugt:

Die beschnitten Varianten sehen wie folgt aus:

Lightroom Upright bietet eine ähnliche Funktionalität mit Upright „Voll“. Den Vergleich der beschnitten Varianten aus LensTRUE und Lightroom möchte ich hier auch zeigen:

Auf den ersten Blick sehen die Ergebnisse vielleicht gleich oder ähnlich aus, aber bei genauerem Hinsehen offenbart Lightroom „Upright“ einige Schwächen. So zeigen sich in der Lightroom-Korrektur an den Rändern immer noch leicht schräg verlaufende, vertikale Linien und die Dachkanten der Gebäude zeigen leichte Fehler. Eine manuelle Korrektur habe ich nach einiger Zeit aufgegeben. In beiden Lösungen ist der Verlust an Bildteilen beim virtuellen Perspektivwechsel enorm.

Besonders das zweite und dritte Beispiel haben mir zwei Dinge gezeigt: Einerseits sollte man vor der Aufnahme eines Architekturmotivs diese so planen, dass genug Bildmaterial um das Hauptmotiv belassen wird, welches im Nachhinein die Möglichkeiten des Beschnitt vergrößert – besonders wenn man die proportionsgerechte Korrektur und den virtuellen Perspektivwechsels per LensTRUE Visualizer anstrebt. Andererseits bin ich überrascht, dass eine „kostengünstige“ Lösung wie die Upright-Funktion in Lightroom so gut mithalten kann, was aber daran liegt, dass sich Lightroom Upright bei diesen Beispielen besonders gut an den vertikalen und horizontalen Linien orientieren und somit die Korrektur vereinfacht. In den nächsten Beispielen geht es um Motive aus der Portraitfotografie, wo Lightroom diese Möglichkeiten nicht oder nur bedingt nutzen kann und bei denen LensTRUE Visualizer durch die erhobenen Daten des LensTRUE meter deutlich im Vorteil sein sollte.

Portraitfotografie

Sehr gespannt war ich auf die Ergebnisse in der Portraitfotografie und habe dazu von einem zeitlich ohnehin schon knapp bemessenem TfP-Shooting ganz am Anfang 10 Minuten abgezweigt, um ein paar Aufnahmen mit dem LensTRUE meter an der ILCE-7 zu machen. Dazu möchte ich ein paar Anmerkungen vorwegschicken: Die schräge und schiefe Kamerahaltung ist bei den, für diesen Test gemachten Aufnahmen durchaus beabsichtigt und auch zweckmäßig, um die Korrektur von LensTRUE Visualizer und Lightroom Upright zu verdeutlichen. Der Hintergrund ist bei einigen Aufnahmen mit Vorsatz überbelichtet und durch Bokeh unscharf um es Lightroom schwerer zu machen die Korrektur anhand von Linien im Bild durchzuführen. Alle Bilder eines Beispiels sind mit den gleichen Entwicklungseinstellungen in Lightroom final bearbeitet worden – Unterschiede im Aussehen ergeben sich in der Anwendung der Entwicklungsparameter auf RAW- und Tif-Dateien.

Beispiel 1

An dieser Stelle muss ich mich zum ersten Mal bei meinem Model für die Bilder entschuldigen, denn wir fangen mit einem schlechten Portraitfoto an: Ich habe die Kamera nicht waagerecht gehalten und fotografierte das Model mit einer Neigung von -3,5° von unten nach oben.

20151004_DSC03105_ILCE-7
Original, Brennweite 35mm, Neigung -3,5°

Das LensTRUE meter hat diese Verschwenkung der Kamera registriert und LensTRUE Visualizer nimmt anhand dieser Parameter die folgende, automatische Korrektur vor:

Als Konsequenz aus dem Beschnitt des korrigierten Bildes fehlt dem Model nun die rechte Hand – wieder der gleiche Fehler des Fotografen wie auch schon bei der Architekturfotografie. Ich habe mich immer noch nicht so richtig daran gewöhnt beim Arbeiten mit LensTRUE etwas mehr Raum um das eigentliche Motiv zu lassen. Viel interessanter ist aber der Vergleich zwischen den Ergebnissen der Korrektur zwischen LensTRUE und Lightroom Upright, wie die beiden nächsten Bilder zeigen:

Hier zeigen sich deutlich die Stärken von LensTRUE gegenüber Lightroom hinsichtlich der proportionsgerechten Perspektivkorrektur. Obwohl die Bildausschnitte annähernd gleich sind so zeigt Lightroom eine deutliche und durchaus als negativ zu bewertende, fehlende Korrektur der Gesichtsproportionen und des Oberkörpers, auch wenn Letztere nicht so offensichtlich ist.

Beispiel 2

In diesem Beispiel mache ich es etwas leichter für Lightroom, denn im Hintergrund und auf dem Boden gibt es, wenn auch unscharf, ausreichend Informationen zur Erkennung der Kameraverschwenkung. Das Bild wurde mit einer Brennweite von 55 mm bei einer Neigung von 5.8°, also einer leichten Aufsicht gemacht.

Original
Original, 55 mm, Neigung 5,8°

Auch hier wieder der Vergleich der LensTRUE Automatikkorrektur ohne und mit Beschnitt und der Vergleich von beschnittener LensTRUE Korrektur und der Lightroom Korrektur mit Upright „Auto“:

Die Unterschiede in der Korrektur zwischen LensTRUE und Lightroom Upright sind hier offensichtlich: Dort, wo LensTRUE sich auf die per LensTRUE meter erfassten Daten verlassen kann bleibt Lightroom Upright nur die Orientierung an vertikalen und horizontalen Linien und Strukturen im Bild. Diese sind hier ausreichend gegeben, was letztlich auch dazu führt, dass die Säulen im Bildhintergrund bei Lightroom Upright gerade ausgerichtet sind. Der Kopf des Models wirkt in der Lightroom-Variante kleiner, was aber am etwas weiteren Beschnitt liegt. Tatsächlich würde ich dem Model in beiden Bildern ein normales Aussehen bescheinigen. Vergleichen wir zum Abschluss dieses Beispiels noch die automatisch korrigierte und beschnitte Version aus LensTRUE mit dem Original und der Lightroom Upright Variante jeweils mit an LensTRUE angepasstem Beschnitt:

Um die 3 Bilder des zweiten Beispiels genau analysieren zu können benötige ich eine optische Hilfe, denn vordergründig gleichen sich die im Beschnitt angepassten Ergebnisse sehr. Im Hintergrund gibt es Unterschiede, die aber für ein Portrait nicht ausschlaggebend sein sollten, auch wenn sie vielleicht letztlich beim ein oder anderen  Betrachter ausschlaggebend sein können. Zur Analyse des Hauptmotivs habe ich die 3 Ergebnisbilder in ein Bild montiert und mit horizontalen Hilfslinien versehen:

Vergleich_Original_LensTRUE_Portrait2

Hier wird nun erkennbar, was in der Galerie beim Wechseln zwischen den Bildern nicht sofort auffällt: Sowohl LensTRUE als auch Lightroom Upright „Auto“ nehmen Veränderungen an den Proportionen vor – gut erkennbar an der Länge des Kopfes und der Gesamtlänge der Beine. Dabei profitiert Lightroom in diesem Beispiel von der Vielzahl der horizontalen und vertikalen Linien und schafft somit ein Ergebnis, welches nahe an den korrigierten Proportionen des JOBO LensTRUE Systems ist.

Beispiel 3

Soweit scheint LensTRUE also durchaus auch eine Lösung zu sein, die sich nicht nur für die klassische Architekturfotografie und als Ersatz für ein Shift-Objektiv eignet, sonder auch  ihre Berechtigung in der Portraitfotografie findet, besonders da es ohne Stativ benutzt werden kann. Beispiel 3 ist etwas extremer mit einer Neigung von -23,4° und dem Blick nach oben. Die Idee war ein Souvenir-Foto zu erzeugen – Hauptsache die Domspitzen sind mit im Bild.

20151004_DSC03167_ILCE-7
Original, 35mm, Neigung -23,4°

Natürlich sind Bildidee und Pose fragwürdig, aber hier geht es ausschließlich darum zu sehen, was die beiden Softwarelösungen aus dieser Aufnahme machen. Wie schon zuvor auch hier die Ergebnisse aus LensTRUE Visualizer ohne und mit Beschnitt:

Spätestens jetzt eine förmliche Entschuldigung beim Model nötig, denn was im Originalbild vielleicht noch als „nettes“ Erinnerungsfoto vor dem Kölner Dom durchgeht verwandelt sich in beiden Softwarelösungen durch die Korrektur zu einer fast grotesken Verzerrung der Körperproportionen und dabei ist die von JOBO vorgegebene Neigungsgrenze von 35° mit -23,4° nicht überschritten. So ist das eben: Man kann nicht alles haben. In diesem Fall belässt man es einfach bei der Orginalversion und nimmt dann lieber in Kauf, dass der Kölner Dom leicht nach hinten kippt – dafür sind dann eben die Spitzen der beiden Türme mit auf dem Bild.

Fazit

Mein Fazit ist eindeutig pro JOBO LensTRUE. Wenn es in der Architekturfotografie auf absolut fehlerfreie Korrektur der Proportionen ankommt ist das LensTRUE-System ein „must have“, denn die korrekte Abbildung der Proportionen sind in Lightroom „Upright“ nicht wirklich möglich. Eine Korrektur von stürzenden Linien und ein korrekter, virtueller Perspektivwechsel gelingt nur mit viel Fummelei und etwas Glück. Aber aufgepasst – vermutlich sind unsere Sehgewohnheiten durch die tägliche Bilderflut entwöhnt, so dass wir nicht direkt mit den richtig korrigierten und dargestellten Proportionen im Bild klar klarkommen und so mancher die nicht korrigierte Version oder die Korrektur durch Lightroom als gefälliger einschätzen wird. Für hochwertige Immobilien-, Innenarchitekturfotografien und Exposés halte ich LensTRUE aber für unverzichtbar.

In der Portraitfotografie halte ich LensTRUE für durchaus empfehlenswert, denn z.B. im Gesicht fallen falsche Proportionen direkt und unschön auf zumal sie für die abgebildeten Personen nicht sehr schmeichelhaft sind. Jedoch ist auch hier der Einsatzbereich nicht universell und ich würde für Portraits die Neigungsgrenzen sogar enger als 35° definieren, was aber in der Praxis kein Problem darstellen sollte, denn Portraits werden doch eher selten aus stark erhöhter oder sehr tiefer Position erstellt. Lightroom Upright kann hier in einigen Situationen mithalten, wie im Beispiel 2 mit den vielen horizontalen und vertikalen Linien. Interessant wäre hierbei zu sehen wie Lightroom Upright funktioniert, wenn unterstützende Strukturen und Hilfslinien im Hintergrund fehlen – Beispieldaten hierfür werde ich bald nachliefern.

Die Idee der proportionsgerechten Perspektivkorrektur ist klasse und aktuell mit dem JOBO LensTRUE System einzigartig im Markt. Die Software in der Version 1.8.5 läuft sehr stabil, könnte gefühlt etwas schneller sein, aber welche Software läuft schon schnell genug.
Kleinere Schwächen und fehlende Funktionalität werden sicherlich nach und nach ausgemerzt bzw. eingebaut. So finde ich die Anpassung des Beschnittrahmen etwas schwierig in der Bedienung und eine Funktion um die maximale Größe des Beschnitt auszuwählen fehlt, wie auch eine Vergleichsansicht von automatischer und angepasster Transformation. Das Einstellen der Werte für die Anpassung der Transformation läuft etwas träge; besonders bei der Transformationsanpassung von RAW-Dateien empfiehlt es sich die Vorschaugröße in den Anzeige-Einstellungen auf 512 Pixel Bildbreite zu reduzieren. Schade ist auch, dass die Werte der angepassten Transformationen für alle Bilder gelten. Das Entfernen des Hakens bei „Transformationen anpassen“ setzt die Werte zurück, die eingestellten Werte sind verloren und müssen manuell wiederhergestellt werden. Einige Einstellungen sind aus meiner Sicht auch etwas versteckt, wie z.B. die Wahl des Zielordners um die Ergebnisse zu speichern. Eine schnell wählbare Option zur Speicherung der TIF-Dateien im gleichen Ordner wie die Quelldateien halte ich für sinnvoll, denn so könnte man diese Dateien schnell in den Entwicklungs-Workflow von Lightroom einbinden.
Ach, und noch ein wichtiges Detail: Der LensTRUE Visualizer läuft aktuell nur auf dem Mac; Windows-Nutzer sind außen vor.

Bleibt noch die Frage, ob das JOBO LensTrue-System den Preis von 990 € inkl. MwSt. wert ist, worauf ich keine allgemein gültige Antwort geben kann. Für den Profi-Fotografen, dessen Kunden den Anspruch haben ihre Objekte und Produkte proportionsgerecht abgebildet zu sehen, ist das System sicherlich wertvoll. Anhand der Liste der unterstützten Kameras und Objektive ist erkennbar, dass sich JOBO dieser Zielgruppe bewusst ist – hierzu ein großes Lob an den Hersteller, denn die Anzahl unterstützter Kameras und Objektive (wenn auch nur Vollformat und größer) ist vorbildlich! JOBO LensTRUE täte einigen Portraitfotografen gut, denn so manche Werbung mit Personen, die in den Straßen zu sehen ist, weist tatsächlich deutliche Fehler in den Proportionen der abgebildeten Personen auf – etwas, dass mir erst seit der Arbeit mit LensTRUE und der Erstellung dieses Artikels bewusst ist. Technikaffine Amateure und Hobbyfotografen, aber vielleicht auch Immobilienmakler, Architekten und Raumausstatter, die Kameras mit APS-C Sensoren verwenden, kommen hier noch nicht zum Zug, denn das LensTRUE-System unterstützt zur Zeit nur Kameras mit Kleinbild- und Mittelformatsensoren (Pentax 645) – verständlich, denn der Aufwand zur Erstellung von Sensor- und Objektivprofilen bei der Vielzahl der am Markt vorhandenen APS-C Systeme und Kombinationsmöglichkeiten von Kamera und Objektiv ist enorm.

Das LensTRUE System kann nicht nur Tilt-Shift-Objektive durch beliebige (unterstützte) Festbrennweiten- und Zoomobjektive ersetzen, sondern den möglichen Neigungswinkel mit diesen flexibleren Objektiven auf 35° deutlich vergrößern. Die zusätzlichen, betriebswirtschaftlichen Vorzüge liegen damit auf der Hand, wenn man bedenkt, dass eine Tilt-Shift-Festbrennweite von Canon oder Nikon kaum unter 1.500 € zu bekommen ist und es von Sony keine Tilt-Shift-Objektive mit entsprechendem Bajonettanschluß gibt.

Alle Details zum LensTRUE System sowie die stetig wachsende Liste der aktuell in der Software hinterlegten Kamera- und Objektivtypen sind unter http://www.lenstrue.com zu finden. Das Komplettsystem kann für 990 Euro inkl. MwSt. über den Online-Shop von JOBO bestellt oder für 50 € 10 Tage gemietet werden.

Beispielbilder, die ich unter Verwendung des JOBO LensTRUE Systems gemacht und anschließend korrigiert habe findet ihr ab sofort in meiner neuen Blog-Kategorie JOBO LensTRUE System.

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3 Antworten zu JOBO LensTRUE – proportionsgerechte Perspektivkorrektur

  1. formberg sagt:

    Hallo Herr Haag,

    ich schwanke zwischen LensTrue (der Vorteil, ich besitze 645 Objektive, die unterstützt werden) und einem Zörk PSA + Pentax D FA 3.5 35 + stitching um einen größeren Bildwinkel zu erreichen.
    Ich nehme mal an, die Bildqualität wird bei der mechanischen Zörk Lösung höher sein als bei softwarelastigen Lösungen!? Die Arbeit ist sicher mit dem LensTrue einfacher und schneller. Wenn Sie beide Lösungen vergleichen, wo sehen Sie die jeweiligen Stärken und Schwächen?
    Ich würde mir gerne eine gebrauchte Sony Alpha 7R kaufen. Glauben Sie, das neue Sony G f2.8 24-70 wird von Lenstrue schnell unterstützt?

    Freundliche Grüße
    Gernot Schaumberger, Österreich

  2. formberg sagt:

    Hallo Jörg,

    ich bin interessiert an Jobo’s LensTrue. Ich fotografiere mit einer Pentax 645Z und hab schon Objektive, die von LensTrue unterstützt werden. Außerdem würde ich mir gerne eine gebrauchte Sony Alpha 7R kaufen, um auch mobil Architektur und Landschaft mit höherer Auflösung zu fotografieren. Dazu würde ich mir gerne das im März neu erscheinende Sony G 2.8 24-70 kaufen. Wird LensTrue diese Linse unterstützen? Ich bin auch mit Herrn Zörkendörfer in Kontakt. Aktuell nutze ich ein Pentax 67 f4.0 45 an meiner Pentax.
    Ich schwanke zwischen dem LensTrue ( an dem sich viele Objektive nutzen lassen, auch bei weiteren winkeln + guter workflow ) und einem Pentax D FA f3.5 35 + Zörk Adapter. (durch stitchen größere Bildwinkel möglich, Vermeidung von größeren Auflösungsverlusten durch softwareseitiges begradigen.) Wo sehen Sie die Stärken und Schwächen beider Varianten?

    Freundliche Grüße
    Gernot Schaumberger, Österreich

    • J. Haag sagt:
      Verfasser

      Hallo Gernot,
      ich habe zwei Nachrichten von Dir und antworte hiermit auf beide, da die Nachrichten sehr ähnlich sind. Ich vermute Du hast eine zweite Nachricht hinterher geschickt, weil Du die erste nicht gesehen hast. Diese musste ich aber erst freischalten, weil Du das erste Mal auf meiner Homepage kommentiert hast.

      Zu Deinen Fragen: Zu Zörk PSA kann ich aus der Erfahrung nichts sagen, weiß aber worum es geht. Der für mich größte Vorzug der LensTRUE-Lösung ist, dass ich ohne Stativ arbeiten kann, was ich bei der Streetfotografie oder bei Touren durch die Stadt sehr genieße. Ob das mit der Zörk-Lösung auch geht kann ich nicht sagen. Ich nutze LensTRUE an der Sony A7RII und vermisse bei 42 Megapixel keine Auflösung oder Details. Wenn man aber Panorama-Stiching mit hoher Auflösung braucht ist der Zörk PSA sicherlich unschlagbar.

      Zur Unterstützung von neuen Kameras und Objektiven kann sich sagen, dass sich das Team rund um LensTRUE sehr viel Mühe gibt neue Modelle schnellstmöglich zu unterstützen. Leider ist man dabei auch immer etwas von der Bereitschaft der Hersteller abhängig, die für diesen Zweck Leihgeräte und Objektive bereitstellen müssen.

      Freundliche Grüße,
      Jörg

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