14 Tage mit der Fujifilm GFX 50s – Teil 1

Fotografieren mit einer Mittelformatkamera ist für mich etwas ganz Besonderers und mit der Fujifilm GFX 50s stößt eine digitale Mittelformatkamera zum ersten Mal in Preisregionen vor, die für amibitionierte Amateur- und Profifotografen überlegenswert werden. Da mich diese Kamera ebenfalls sehr reizt, habe ich mir die Frage gestellt, ob die Fujifilm GFX 50s etwas für mich wäre. Um diese Frage zu beantworten, habe ich mir die Kamera für 14 Tage ausgeliehen.

Im Herbst 2016 habe ich mir einen Traum erfüllt und mir eine gebraucht Mamiya 645 Pro TL gekauft; eine Kamera ohne Sensor, ohne Speicherkarte und ohne diesen elektronischen Schnick-Schnack, die das Foto auf Film „speichert“ und bei der es etwas Geduld erfordert, bis man die fertigen Ergebnisse sehen kann. Einen Überblick über das System findet ihr in meinem Blog-Beitrag Neue Ausrüstung: Mamiya 645 PRO TL. Diese Kamera wollte ich schon in den frühen 90er-Jahren haben, war aber zu dieser Zeit für mich einfach unerschwinglich. Die Mamiya M645 Sekor-Objektive produzieren auf Film eine hervorragende Abbildungsleistung, richtige Fokussierung vorausgesetzt, was mir nicht immer gelingt. Beispiele findet ihr in diesem Flickr-Album :

20170819_9211-400tmy-01_Mamiya 645 Pro TL.jpg

Aktuell fasziniert mich im Bereich digitales Mittelformat die Fujifilm GFX 50s als spiegellose Systemkamera mit einem Sensor in der Größe 43,8 mm x 32,9 mm – also nicht wirklich Mittelformat, aber doch größer als ein Vollformat- bzw. Kleinbildsensor mit 36mm x 24mm Größe, vorausgesetzt man nutzt das 4:3-Format – dazu aber später mehr. Preislich liegen Kamera und die zugehörigen Objektive in einer anderen Dimension und wenn man eine Grundausrüstung aus Body, Weitwinkel, Standard- und Portraitbrennweite zusammenstellt, ist man schnell beim Preis eines Kleinwagens – selbst wenn man Sofort-Rabatte und Cashback-Aktionen nutzt:

UVP
Fujifilm GFX 50s 6.999,00 €
Fujifilm GF 23mm F 4 2.799,00 €
Fujifilm GF63mm F 2.8 1.599,00 €
Fujifilm GF 110mm F 2 2.999,00 €
14.396,00 €

Ich verfüge über einen umfangreichen Bestand an Mamiya M645 Sekor-Objektiven, die, wie oben gezeigt, auf Film eine recht ordentliche Qualität liefern. Novoflex und Fotodiox bieten Adapter, um Mamiya-Objektive oder andere Bajonette an die Fujifilm GFX 50s zu adaptieren und so könnte ich – zumindest in der Anfangsphase – das Geld für die teuren AF-Objektive sparen, vorausgesetzt, die Mamiya-Objektive liefern am digitalen Sensor ebenso gute Qualität. Um das zu prüfen habe ich mir die Fujifilm GFX 50s für 2 Wochen bei Gearflix.com geliehen und mit ausgewählten M645-Objektiven an der Fujifilm GFX 50s und meiner Sony A7RII vom Stativ mit jedem Objektiv eine Blendenreihe für die Qualitätsbewertung und zusätzlich ein paar Freihandaufnahmen zu machen.

Etwas Technisches vorab

Die Mamiya M645 Sekor-Objektive erzeugen einen Bildkreis, der ein Einzelbild im Film- oder Sensorformat von 56 x 42 mm abdeckt, wenn man den Rand des Negativs abzieht. Der 4:3 Sensor der Fujifilm GFX 50s hat eine Größe von 43,8 mm x 32,9 mm und der Kleinbildsensor der Sony A7RII hat 35,9 mm x 24 mm. Die Größenverhältnisse werden in der nebenstehenden Grafik verdeutlicht. Aus der Grafik geht auch hervor, dass weder die Fujifilm GFX 50s noch die Sony A7RII in der Lage sind zu kontrollieren, ob die Mamiya M645 Sekor-Objektive am Sony-Sensor der Fuji ihre Leistung bis in die Ecken bringen. Hier behelfe ich mir dann aber mit einer Annahme, bei der die Pixeldichte der Sensoren eine Rolle spielt: Die Sony A7RII hat bei 42,4 MPx auf einer Sensorgröße von 35,9 mm x 24 mm eine Pixeldichte von 4.94 MP/cm². Die Fujifilm hat 51,1 MPx auf 43,8 mm x 32,9 mm und somit eine Pixeldichte von 3.52 MP/cm². Da die Mamiya M645 Sekor-Objektive für ihre hohe Qualität bekannt sind und ich bei keinem meiner Objektive eine Rand- oder Eckenschwäche auf Film erkennen konnte, nehme ich an, dass die in der Mitte durch die Sony A7RII abgebildete Schärfe mit geringen Einschränkungen dann auch für die Fujifilm GFX 50s Ränder gelten sollte; ganz besonders deswegen, weil die Pixeldichte bei der Sony A7RII um einiges höher ist und daher bessere Objektive erfordert.
Und wo wir gerade über die Technik sprechen: Einen kleinen, negativen Aspekt hat die Fuji mit ihrem Sensor im 4:3-Format schon. Nutzt man die volle Sensorfläche mit 8256 x 6192 Bildpunkten kommt man auf die 51,1 MPx. Möchte man aber das 3:2-Format nutzen reduziert sich die Pixelanzahl auf 45,4 MPx, was nur ca. 3 MPx mehr sind als die Sony A7RII liefert – und das für ca. 4.000 Euro Aufpreis. Aber die schiere Anzahl der Megapixel ist und soll nicht alles entscheidend sein…

Der zweite Punkt ist der Crop-Faktor. Der Sensor der Fujifilm GFX 50s ist, wie in der obigen Grafik erkennbar, deutlich kleiner als die Größe eines Negativs belichtet mit der Mamiya M645. In der Hoffnung, dass meine Berechnungen nicht falsch sind, ergibt sich aus der Division der Diagonalen von Negativ bzw. Sensor von M645 und Fujifilm GFX 50s ein Crop-Faktor von ungefähr 1,27. Das sollte also bedeuten, dass z.B. ein Mamiya Sekor C 80mm an der Fujifilm GFX 50s wirkt wie ein Fujinon 110mm an der Mamiya wirken würde. In Ermangelung eines Fujinon-Objektivs kann ich das nicht durch Bilder belegen; aber was ich sagen kann ist, dass Bilder aus der Fujifilm GFX50s mit dem 80mm Sekor das gleiche Bildfeld abdecken wie ein Objektiv mit 63mm an der Kleinbildkamera oder ein 45mm Sekor an der GFX 50s das gleiche Bildfeld abdecken wie ein 35mm an der A7RII.

Vorbereitung

Wie bereits erwähnt, habe ich die Fujifilm GFX 50s bei Gearflix.com geliehen. Der reguläre Preis für 1 Woche beträgt 350 Euro inkl. MwSt. und Versand (ein Rücksendeaufkleber ist bereits enthalten). Dieser Preis ist im Vergleich zu anderen Angeboten von 149 Euro bis 250 Euro pro Tag schon sehr fair und als dann das Angebot für 199 Euro pro Woche erschien habe ich nicht länger überlegt. Die Abwicklung über Gearflix.com ist sehr einfach. Man wählt auf der Website das Objekt der Begierde aus und bekommt den voraussichtlichen Zustelltermin angezeigt. In den Warenkorb, Bezahlvorgang einleiten, Konto anlegen falls noch nicht vorhanden, fertig! Da Gearflix keine Kaution in Form einer Kreditkartensicherung verlangt muss man abschließend noch seine Identität bestätigen, was über das Hochladen einer Kopie von Vorder- und Rückseite des Personalausweise geschieht. Die Validierung erfolgt in der Regel innerhalb von 24 Stunden. Das Paket geht in den Versand und der Mietzeitraum startet erst bei Erhalt des Pakets.

Um die Mamiya M645 Objektive an die Fujifilm GFX 50s zu adaptieren habe ich mir den Fotodiox Pro Lens Mount Adapter, Mamiya 645 (M645) Mount Lens to Fujifilm G-Mount GFX Mirrorless Digital Camera Systems (hier bei Amazon.de) bestellt. Und da ich über einige Minolta MD-Objektive verfüge habe ich mich durch den Beitrag von Jonas unter https://jonasraskphotography.com/2017/08/16/minolta-x-fujifilm/ dazu verleiten lassen auch direkt den passenden Fotodiox MD-GFX Pro Lens Mount Adapter (hier bei Amazon.de) zu bestellen – mit der Hoffnung, diese bei einer Entscheidung gegen die Fujifilm GFX 50s wieder verkaufen zu können.

Natürlich gehört zur Vorbereitung auch der ein oder andere Blick ins Handbuch, welches in der deutschen pdf-Fassung satte 268 Seiten stark ist. Einige Elemente der verschiedenen Menüs sind nicht direkt intuitiv zuzuordnen, wie z.B. AF-MODUS D. AUSR. SPEICH. und auch die Bedienung und Konfiguration der beiden Displays hat einige Tücken, die man aber schnell mit Hilfe des Handbuchs überwindet.

Setup

Beide Kameras ermöglichen das Speichern von Einstellungen für Objektive, die mit einem Bajonettadapter an der Kamera montiert sind. Dazu gehören neben der Brennweite auch Korrekturen von Verzeichnung, Tonwertabweichung und Vignettierung. Bei der Sony A7RII wird das über eine installierte App gelöst, bei der eine Objektivbezeichnung vergeben werden kann. Damit werden Daten wie Objektivbezeichnung, größte Blende und Brennweite in den exif-Daten gespeichert. Eine Begrenzung der Anzahl von Objektiven ist mir für die Sony App nicht bekannt.
Bei der Fujifilm GFX 50s lassen sich laut Handbuch leider keine Objektivbezeichnungen speichern und es sieht so aus, als ob die maximal 6 Objektiveinstellungen einfach nur durchnummeriert sind. Hier ist für mich interessant, welche Informationen in den exif-Daten wiederzufinden sind. Folgende Festbrennweiten habe ich auf der jeweiligen Position konfiguriert, denn die Ergebnisse mit diesen Objektiven an der Fujifilm GFX 50s und der Sony A7RII werde ich detailliert vergleichen:

Mamiya M645 Minolta MC / MD
Position Objektivbezeichnung Objektivbezeichnung
1 Sekor C 35 mm F3.5 N Minolta 21mm F2.8 MC W. Rokkor -NL
2 Sekor C 45 mm F2.8 N Minolta 28mm F2.8 MD W. Rokkor
3 Sekor C 80 mm F1.9 N /
Sekor C 80 mm F4 Macro N
Minolta 35mm F2.8 MD W. Rokkor
4 Sekor C 110mm F2.8 Minolta 50mm F1.4 MD W. Rokkor
5 Sekor C 150 mm F3.5 N Minolta 85mm F2 MD W. Rokkor
6  Sekor C 210 mm F4 N Minolta 100mm F2.5 MD W. Rokkor

Größenvergleich

Die Fujifilm GFX 50s ist, wenn auch nicht bei der Sensorgröße, zumindest beim Gehäuseformat eine ausgewachsene Mittelformatkamera.

Größenvergleich Fujifilm GFX 50s mit Mamiya M645 Pro TL

In der Gegenüberstellung mit einer spiegellosen Systemkamera mit Kleinbildsensor, beide mit einem im Bildwinkel vergleichbaren Objektiv, wirkt die Fujifilm GFX 50s geradezu riesig – oder anders: die Sony A7II wirkt wie eine Spielzeugkamera.

Größenvergleich Fujifilm GFX 50s mit Sony A7II, beide mit vergleichbaren Brennweiten

Soviel zur Vorstellung der Kamera, meine Fragen auf die ich hoffe Antworten zu finden und welche Objektive bzw. Bildergebnisse ich vergleichen möchte. Im nächsten Beitrag geht es um einen ersten Eindruck: 14 Tage mit der Fujifilm GFX 50s – Teil 2

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Kategorien:Blogs, Fototechnik, Kameras, ObjektiveSchlagwörter:, , , , , , , , , , , , , ,

J. Haag

Ich bin 1967 geboren und am Rande der Eifel in Oberelvenich und in der Natur aufgewachsen. Seit 1988 beschäftige ich mich mit der Fotografie.

Fotografie bedeutet für mich Entspannung und Abenteuer zu gleichen Teilen. Seit den ersten analogen Bildern begleiten mich Kameras und Objektive von Minolta und nach der Übernahme durch Sony bin ich dem System treu geblieben.

Heute nutze ich neben spiegellosen Systemkameras mit Kleinbildsensor auch wieder analoge Kameras im Kleinbild- und Mittelformat sowie Sony Cybershot-Kameras mit 1"-Sensor für meine fotografischen Arbeiten, wobei ich den elektronischen Sucher der Sony-Kameras besonders schätze.

7 Kommentare

  1. Lutz

    Hallo Jörg,
    Wirklich interessanter Bericht. Aber wenn ich sehe was die Technik kostet und ob sich das dann wirklich lohnt? Für Fans bestimmt. Ich habe mich mit dem Wechsel zur Sony A7II schon reichlich aus dem Fenster gelehnt. Und die Unterschiede sind doch eher geringer als gedacht. Zumal die Sony/Zeiss Gläser ja nicht unbedingt preiswert sind. Dann Ost der Schritt zu Altglas vorprogrammiert. Welch ein Wahnsinn, man kauft sich eine Vollformatkamera um dann doch wieder manuell zu knipsen.
    Aber Interessant war es wirklich zu lesen und ich bin ebenfalls gespannt wie der Test weitergeht.

    Ach ja, Fohe Weihnachten, Guten Rutsch und gesundes neues Jahr.

    Grüße Lutz

    • Hallo Lutz,
      wohl wahr, die Fujifilm GFX 50s trägt ein stolzes Preisschild. Ob sich das dann wirklich lohnt ist die alles entscheidende Frage und genau diese Frage versuche ich für mich zu beantworten. Es gibt bereits jetzt schon leichte Tendenzen, aber die Kamera überrascht mich jeden Tag auf’s Neue mit Besonderheiten und Funktionen.

      Dir auch Frohe Weihnachten und einen guten Rutsch. Alles Gute für 2018.

  2. Ich finde diesen Bericht ebenfalls sehr interessant, auch wenn er sehr technisch ist. Aber das muss nun mal so sein 🙂 aber auch ich bin gespannt, wie es weiter geht. Mach das Beste aus diesem Wetter, dann kann die Kamera ja zeigen, was sie kann 🙂

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