Die Wiederentdeckung der Langsamkeit: das Voigtländer 65 mm/1:2,0 Macro Apo-Lanthar

Dass ich gerne mit manuellen Objektiven arbeite, dürfte nicht zuletzt seit meiner wiedererlangten Freude an den analogen Kameras klar sein. Doch jetzt bin ich auf ein Objektiv gestoßen, welches alles Glas und nicht nur das manuell zu bedienende in meinem Schrank im engeren Sinne des Wort „alt“ aussehen lässt. Aber bevor ich näher auf das Voigländer 65 mm/1:2,0 Macro Apo-Lanthar eingehe …

Fast zwei Monate ist es her, dass ich hier meinen letzten Beitrag veröffentlicht habe und so richtig motiviert bin ich auch jetzt nicht auf WordPress zu bloggen – keine Ahnung woran das liegt. Vielleicht daran, dass mich die Oberflächlichkeit im Internet immer mehr abstößt und es mittlerweile so viele Blogger, Vlogger, Twitterer und wie sie alle heißen gibt, dass es einem schon fast aus den Ohren kommt. Es gibt kein Produkt, keine Ankündigung, keine Technologie mehr, die nicht umgehend von X Fotografen in allen möglichen Ausprägungen vorgestellt, gefilmt und getestet wird. „Warum soll ich also auch noch meinen Senf dazugeben?“ – das ist die Frage, die ich mir jedesmal gestellt habe, wenn ich etwas schreiben wollte. Also habe ich es einfach gelassen.

Jedoch ist mit dem Voigländer 65 mm/1:2,0 Macro Apo-Lanthar nun ein Objektiv in meiner Fototasche, für welches es sich lohnt mal wieder ein paar Zeilen zu schreiben – auch wenn es schon einige Beiträge dazu im Internet gibt:

Na ja, alle Beiträge zu diesem Objektiv scheinen auf Englisch zu sein (Forumsdiskussionen mal ausgenommen) – vielleicht also doch nicht so schlecht etwas in Deutsch dazu zu schreiben.

Technische Daten

Die technischen Daten findet ihr auf der deutschen Seite von voigtlaender.de – warum soll ich die nochmal abtippen. Und auf der Homepage von Voigtländer findet ihr auch interessante Informationen zur Firmengeschichte – allerdings findet ihr dort keinen Hinweise darauf, dass diese Objektive von Cosina gebaut und unter dem Voigtländer-Label der Ringfoto-Gruppe angeboten werden. Das soll aber nicht abwertend gemeint sein, denn Cosina stellte und stellt in Lohnfertigung Objektive für Contax und Zeiss her und produziert eine eigene Linie von VM-Mount Objektiven für Voigtländer und Leica Messsucherkameras.

In der Praxis

Der Begriff „Praxis“ ist für ein Objektiv dieser Art eigentlich zu sachlich, denn es ist jedes Mal aufs Neue ein Erlebnis dieses Objektiv an der Kamera zu nutzen. Dieses Erlebnis beginnt mit der Haptik. Das 65 mm/1:2,0 wiegt deutlich mehr als die meisten anderen Objektive dieser Brennweite. Das Gewicht von etwas mehr als 620 Gramm hat auch einen Grund, denn das Objektiv ist weitestgehend aus Glas und Metall gefertigt und fühlt sich dadurch sehr wertig an. Da die linke Hand jedoch ohnehin permanent mit Fokussieren beschäftigt ist und dazu das Objektiv dauerhaft in der linken Hand liegt, fällt das Gewicht nicht auf und bei der Konstruktion hat man darauf geachtet, dass das Objektiv nicht zu kopflastig wird. Auf der Homepage von Voigtländer wird dieses Objektiv als eines der besten Objektive in der Voigtländer-Geschichte beschrieben – meiner Meinung nach zu Recht und das sage ich, ohne die meisten anderen Voigtländer-Objektive zu kennen. Die Verarbeitungsqualität ist über jeden Zweifel erhaben. Der Tubus hat null Spiel – da wackelt nichts. Der Fokusring läuft seidenweich und erlaubt mit Hilfe der Fokuslupe die präzise Wahl des Schärfepunktes. Die Bilder sind an starken Kontrastkanten und im Gegenlicht vollkommen frei von chromatischen Abberationen, was der apochromatischen Korrektur auf drei und nicht – wie üblich nur zwei – Farben zu verdanken ist. Bisher gab es nicht ein Bild, welches ich in der Nachbearbeitung von Farbsäumen befreien musste. Der Blendenring, der sich etwas gewöhnungsbedürftig vorne am Objektiv befindet, erlaubt die Wahl von Blendeneinstellungen in 1/3-Stufen. Jedoch ist die Bildqualität bei Offenblende schon so gut, dass man überhaupt keinen Bedarf verspürt die Blende auf einen anderen Wert als 2,0 einzustellen – es sei denn das Bild erfordert ein kleinere Blende.

Hier einige Bilder, die mit Offenblende gemacht wurden:

Im Gras
Verwelkt / Withered

Voigländer 65/2 APOLanthar - Erste Bilder / First images
Voigländer 65/2 APOLanthar - Erste Bilder / First images

Was mich jedoch am meisten an diesem Objektiv fasziniert, sind zum einen die Farben, die das Glas produziert und zum anderen  das Bokeh, bzw. die Weichheit im Übergang von Schärfe zu Unschärfe. Letzteres kommt besonders den Bildern zu Gute, die in Macro-Stellung, also in der Nähe der Naheinstellgrenze mit einem Abbildungsmaßstab von 1:2 gemacht wurden, wie z.B. die Bilder von den Blüten oben oder folgendes Bild:

Bio-Morgenstern / Organic morning star

Mehr Bilder

Auf Flickr findet ihr im hier verlinkten Album alle Bilder, die mit dem Voigländer 65 mm/1:2,0 Macro Apo-Lanthar gemacht wurden. Die Anzahl Bilder wird nach und nach wachsen.

Voigländer 65/2 APOLanthar - Erste Bilder / First images

 

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J. Haag

Ich bin 1967 geboren und am Rande der Eifel in Oberelvenich und in der Natur aufgewachsen. Seit 1988 beschäftige ich mich mit der Fotografie.

Fotografie bedeutet für mich Entspannung und Abenteuer zu gleichen Teilen. Seit den ersten analogen Bildern begleiten mich Kameras und Objektive von Minolta und nach der Übernahme durch Sony bin ich dem System treu geblieben.

Heute nutze ich neben spiegellosen Systemkameras mit Kleinbildsensor auch wieder analoge Kameras im Kleinbild- und Mittelformat sowie Sony Cybershot-Kameras mit 1"-Sensor für meine fotografischen Arbeiten, wobei ich den elektronischen Sucher der Sony-Kameras besonders schätze.

4 Kommentare

  1. Allein dieser Beitrag zeigt, warum du daran festhalten solltest weiter zu bloggen. Die Beschreibung und Bilder sind wunderbar! Auch heute erkennt man, wer ein guter Fotograf ist oder nur mit ein paar LR-Presets und einer Drohne/DSLR Effekthascherei betreibt. Also, halte daran fest, es ist eine Bereicherung für das Netz und die Fotografen-Community ;-).

  2. Lutz

    Hallo Jörg,
    „…Entdeckung der Langsamkeit…“. Ja ich kenne das auch. Aber bei mir ist es das fast 60 Jahre alte Carl-Zeiss-Jena Tessar 50/2.8. Es ist was anderes wie Autofokus-Objektive. Sicher habe ich auch das Zeiss 55/1.8Z, aber das Tessar hat seinen eigenen Charm und mit dem elektronischen Fokusring manuell fokusieren ist nicht so mein Ding. Wie du schon sagst, man wird langsamer. Komplett manuell zu fotografieren war was neues für mich. Aber wenn man so darüber nachdenkt, man kauft sich eine nicht ganz billige Vollformat-Kamera und dann benutzt man 60 Jhre alte Objektive. Und trotzdem mache ich das gern.

    Grüße Lutz

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