Es muss sich etwas ändern …

Wenn ich in der letzten Zeit in meine Lightroom- oder Capture One – Kataloge geschaut habe um mir die gemachten und entwickelten Bilder anzuschauen, war sehr häufig das Erste was ich dachte: „Langweilig“! Da muss sich also was ändern und ich weiß auch schon was …

Habt ihr in eurer Familie / eurem Freundeskreis auch jemanden, den ihr bei der Beurteilung eurer Bilder zu Rate zieht und den ihr nach seiner / ihrer Meinung fragt? Bei mir ist es meine Frau; sie ist meine härteste Kritikerin und schonungslos. Es ist schon häufiger vorgekommen, dass ich ihr ein Bild gezeigt habe, welches ich total toll fand und sie nach kurzer Betrachtung nur lapidar sagte: „Das haut mich jetzt nicht um; da hast du duzende Bilder die besser sind.“. Damit musst du erst einmal klar kommen. 🙂
Na ja, jedenfalls saß ich erst kürzlich wieder vor meinen Bildern und als meine Frau neben mir stand und ich sie fragte, ob sie meine Bilder nicht auch zu gewöhnlich, zu Mainstream fände, meinte sie nur: „Was heißt schon Mainstream? Entweder machst du die Bilder in deinem eigenen Still, eben so, wie du die Dinge mit deinem Auge siehst, egal ob Mainstream oder nicht, oder du lässt deinen Instinkt weg und fotografierst dann eben wirklich Mainstream – was auch immer Mainstream bedeuten soll. Aber: Du fotografierst viel zu wenig für Dich selbst und zu viel für das, was andere darüber sagen.“ Und genau dieser letzte Satz hat bei mir was bewegt, etwas ausgelöst, genau dabei hat es irgendwie Klick gemacht. Genau das ist es, was ich ändern muss, ändern möchte, was mich stört, blockiert, hemmt und zurück hält. Also habe ich ein wenig nachgedacht und mich dazu entschlossen meine Fotografie in eine Richtung zu lenken, die für meine regelmäßige Lust zu fotografieren konsequent anders ist. Ich werde mir nicht mehr irgendein Thema überlegen (Türen, Graffiti, o.ä.) oder einfach nur noch loslaufen und schauen, was sich so an Motiven ergibt, sondern – mal abgesehen von Urlaubs-, Wander-, Dokumentations- und Portraitfotos – konsequent drei Elemente für meine Fotos berücksichtigen:

  1. Ich habe es schon oft versucht und auch angekündigt: Streetfotografie ist das, was ich machen möchte.
  2. Black and White only! Ich werde versuchen mir einen eigenen Schwarz-Weiß-Style zuzulegen. Schwer genug, denn es gibt schon so viele S/W-Entwicklungsvorgaben, aber mal sehen was geht.
  3. Minimale Ausrüstung, möglichst unauffällig! Das bedeutet eine Kamera, ein Objektiv, keine Kameratasche, kein Rucksack, kein Stativ.
    Brennweite 35 – 55mm, egal mit welcher Kamera (1″, Kleinbild, M645) und welches Medium (analog, digital). Dafür gibt es einfache Gründe: Zum einen sind 35 oder 50mm die klassischen Brennweiten für Street und zum anderen habe ich immer mindestens ein Objektiv aus diesem Bereich dabei. Dabei muss das 55mm F1.8 das klassische 50mm ersetze, weil ich an Kleinbild kein 50mm mit AF habe.

Mit diesen Vorgaben habe ich mich sofort am gleichen Tag, als ich diesen Entschluß gefasst habe, in Hannover auf den Weg gemacht. Mit der Sony RX100 IV bin ich dann los, weil ich weder ein 35mm noch ein 55mm für die A7 II in Hannover hatte – ist ja immer so: Man hat immer das Falsche dabei. Ich hätte zwar ein Minolta MD 50mm F1.4 per Adapter an die A7 II anschließen können, aber die erste Tour wollte ich dann doch mit AF machen und da war die RX100 die einzige Kamera, die ich hätte nutzen können. Keine schlechte Entscheidung, denn die Kamera ist wirklich unauffällig und lässt mich wie ein Tourist aussehen, der seltsame Dinge fotografiert – so zumindest muss ich auf einige Leute gewirkt haben.
Street
Mit den ersten Ergebnissen bin ich zufrieden, aber ich möchte, bevor wir zu den Bildern kommen, noch etwas zur Kamera und den Einstellungen sagen, für den Fall, dass ihr das selber mal ausprobieren möchtet:

Einstellungen und Konfiguration

Seit langem habe ich die Kamera mal wieder auf RAW + JPG gestellt und die Bilder, die ihr hier seht sind alle als JPG direkt aus der Kamera. Lediglich den Beschnitt habe ich bei dem einen oder anderen Bild etwas geändert, ansonsten wurden keine Änderungen vorgenommen. Den Kreativmodus habe ich auf [B/W] eingestellt und Kontrast auf [+3] und Schärfe auf [+1] angehoben. Für den AF-Modus habe ich [S-AF] (Single AF) und für das AF-Feld die Einstellung [Breit] gewählt. Fotografiert habe ich im Modus [A] (Blendenpriorität), bei ISO habe ich meine Standardeinstellung beibehalten: [Auto] von [100 – 1600] und die längste, erlaubt Verschlußzeit auf [1/60]. Das funktioniert soweit ganz gut und gibt den Bildern, in denen sich etwas bewegt, die nötige Dynamik.
Street
Street

Die Einstellung der gewünschten Brennweite von 35mm erfordert an der RX100 IV einen Kniff. Nutzt man die Kamera in einem der Standardmodi (A, S, M) so kann man die Kamera sehr gut an seine Bedürfnisse anpassen und die konfigurierbaren Tasten und Räder mit den benötigten Funktionen belegen. Im A-Modus (meinem Standardmodus) habe ich die Kamera so eingestellt, dass ich über das hintere Steuerrad die Blende wähle, über das Rad am Objektiv eine Belichtungskorrektur vornehmen kann und die Brennweite über die dafür vorgesehene Wippe am Zeigefinger verändere. Da ich aber Street mit 35mm als festen Brennweite machen möchte, würde das bedeuten, dass ich nach jedem Aus- und Einschalten die jeweilige Brennweite über die Wippe einstellen müsste – nicht gut, da fast unmöglich die genaue Brennweite zu wählen. Vermutlich ist die Batterie von der Nutzung des Zoommotors leer bevor ich 10 mal die Brennweite getroffen habe. Jetzt verfügt die RX100 IV über eine Option, dass man die Brennweite in Stufen von 24mm, 28mm, 35mm, 50mm und 70mm verstellen kann – allerdings ist diese Option nicht auf die Brennweiten-Wippe sondern nur auf das Wahlrad am Objektiv konfigurierbar. Damit würde ich aber die schnelle Einstellung der Belichtungskorrektur verschenken, die ich über das Einstellrad am Objektiv so sehr schätze. Außerdem vergißt die Kamera beim Aus- und Einschalten den zuvor eingestellten Wert der Brennweite.
Und jetzt der Trick: Wenn man die Kamera entsprechend konfiguriert hat (also auch die Brennweite eingestellt hat) und diese Konfiguration auf einen Speicherplatz der MR-Funktion legt, wird nach dem ersten Einschalten und der Wahl des Speicherplatzes über das Moduswahlrad die Brennweite (also 35mm) ausgewählt. Bleibt man im MR-Modus, so springt das Objektiv nach Aus- und Einschalten wieder auf die konfigurierte Brennweite. Perfekt, denn so kann ich das Einstellrad am Objektiv wieder mit der Belichtungskorrektur belegen, um bei Motiven wie dem nachfolgenden, schneller auf die schwierigen Lichtsituation reagieren zu können.
Street

Fazit zur Kamera und deren Konfiguration:
Ohne die Möglichkeit der Brennweitenstufen und Speicherung der gewählten Brennweite auf einem Speicherplatz wäre die Nutzung der RX100 IV für Streetfotografie wohl eine Katastrophe, so ist die RX100 IV als Kamera für Streetfotografie jedoch sehr gut geeignet. Der größte Vorteil ist, dass man damit kaum als Fotograf wahrgenommen wird und unauffällig fotografieren kann. Die Bilder haben eine gute Qualität und das Schwarz-Weiß aus der Kamera gefällt mir mit den veränderten Werten für Kontrast und Schärfe sehr gut. Das Klappdisplay erlaubt das Fotografieren auf „waist level“, also Hüft- oder Bauchhöhe, was ebenfalls die Unauffälligkeit unterstützt. Ein klein wenig größer könnte die Kamera sein, aber dann würde man wahrscheinlich wieder mehr Aufmerksamkeit auf sich ziehen. Ich glaube, ich kann mich an die RX100 IV als Street-Kamera gewöhnen. Andere Kameras werde ich sicherlich ausprobieren, wie z.B. die A7II. Fraglich ist jedoch, ob ich eine der analogen Kleinbildkameras dafür benutzen werde, denn diese Kameras erfordern einen Blick durch den Sucher und man wird dadurch definitiv schneller als Fotograf wahrgenommen. Analog könnte ich mir die Mamiya 645 mit Schachtsucher vorstellen, denn der Schachtsucher (waist level finder) bildet dann wieder einen großen Faktor bei der Reduzierung der Auffälligkeit – besonders bei einer größeren Kamera wie der M645. Jedoch ohne Griff, mit Schachtsucher und dem schlanken 80mm F1.9 – das stelle ich mir schon interessant vor und ich freue mich schon jetzt darauf. Zu lösen wäre bei der Mamiya M645 Pro TL noch die fehlende Belichtungsmessung bei Verwendung des Schachtsuchers, denn eine interne Belichtungsmessung hat diese Kamera nur über den Prismensucher. Mit einem Hand-Belichtungsmesser die Szene vorher ausmessen, Kamera einstellen, manuell fokussieren …. – ich weiß nicht, ob ich damit schnell genug bin um entsprechende Szenen der Streetfotografie einzufangen.

Die erste Reihe Bilder findet ihr wie immer in einem Album bei Flickr. Ich weiß, da ist noch viel Luft nach oben, wenn es um Motivwahl und Ausdruck geht. Aber ich hatte jede Menge Spaß mit der RX100 IV und mal sehen, was sich entwickelt:

Street
Advertisements

Kategorien:Blogs, Street, City & more

J. Haag

Ich bin 1967 geboren und am Rande der Eifel in Oberelvenich und in der Natur aufgewachsen. Seit 1988 beschäftige ich mich mit der Fotografie.

Fotografie bedeutet für mich Entspannung und Abenteuer zu gleichen Teilen. Seit den ersten analogen Bildern begleiten mich Kameras und Objektive von Minolta und nach der Übernahme durch Sony bin ich dem System treu geblieben.

Heute nutze ich neben spiegellosen Systemkameras mit Kleinbildsensor auch wieder analoge Kameras im Kleinbild- und Mittelformat sowie Sony Cybershot-Kameras mit 1"-Sensor für meine fotografischen Arbeiten, wobei ich den elektronischen Sucher der Sony-Kameras besonders schätze.

6 Kommentare

  1. Christoph

    Hallo Jörg,

    interessant, dass du dieses Thema aufwirfst, da auch ich die letzten Monate ähnlich denke. Ich empfinde meine Art der Fotografie als langsam monoton und ertappe mich dabei bei Fotoshootings mit Menschen desöfteren bereits gemachte Fotos an derselben Stelle zu wiederholen, was mich am Ende langweilt, da ich lieber kreativ wäre.
    Ich ziehe nach Foto-Shootings ebenfalls immer Rat meiner Frau heran. Scheinbar haben diese eine Art inneres Pendel, um zu entscheiden, was tatsächlich gut ankommt und was nicht (wie oft von mir ausgewählte Bilder, welche in meinen Augen kreativ wirken, jedoch bei anderen so rüberkommen 😉

    Deine Ergebnisse haben mich zu längerem Anschauen deiner Bilder bewegt anstatt sturr durchzuklicken (das Hauptproblem heutzutage, da die meisten Fotos bereits irgendwo gesehen wurden oder langweilig wirken).

    Im Rahmen eines Fotokurses wurden wir einmal gezwungen, Streetfotographie zu machen und in schwarz/weiß zu denken bzw zu fotografieren (bei wem es eben ging). Ich tat dies mit meiner A7 (SW-Modus mit hohem Kontrast in der Kamera eingestellt). Ich muss zugeben, selten habe ich so abwechslungsreiche Fotos gemacht und das direkt aus der Kamera als JPG.
    Street liegt mir nicht wirklich, da ich gegen den inneren Zwang ankämpfen muss, jemand Fremdes abzulichten. Zumal es heutzutage mit der DSGVO alles ein heikles Thema geworden ist und ich keine Auseinandersetzung mit Passanten möchte. Daher gefällt mir dein Ansatz, etwas aus dem Hinterhalt zu fotografieren. Vielleicht werde ich mich das in Zukunft auch mal mehr trauen. Meine alte und kompakte A7 zusammen mit dem Samyang 35 2.8 ist die ideal unauffällige Kombi für Schüsse aus der Hüfte.

    Danke für deinen Beitrag mit Denkansatz.

    • Hallo Christoph.
      Tut mir leid, dass ich erst jetzt antworte, aber die letzten Tage war einfach keine Zeit dafür.
      Interessant finde ich Deinen Hinweis auf den Fotokurs mit der Aufgabe in S/W zu denken und deine Wahl die Kamera mit hohem Kontrast auf S/W zu konfigurieren. Tatsächlich habe ich in der Vergangenheit auch schon häufiger den S/W-Modus gewählt, jedoch nie an Kontrast und Schärfe gedreht. Die Ergebnisse waren eher langweilig. Mit dem (Neu-)Start der Streetfotografie habe ich den Kontrast auf +3 und Schärfe auf +1 gestellt und schon gefallen mir die Bilder deutliche besser, die als fertiges JPG direkt aus der Kamera kommen.

      Das Dir Street nicht liegt, weil Du gegen eine innere Hemmung / Barriere ankämpfen musst jemand Fremdes abzulichten, kann ich sehr gut verstehen – ging mir bei meinen vorherigen Versuchen in diesem Genre auch so. Das liegt bzw. lag aber daran, dass ich immer per Sucher fotografiert habe, welches mir den Eindruck gab, dass der Fotografierte deutlich eher auf mich aufmerksam wurde – auch wenn es vielleicht nicht so war. Aktuell fotografiere ich eher aus Höhe Bauch und Hüfte und das vermittelt mir ein deutlich anderes, sicheres Gefühl. Ich kann und möchte Dich also ermutigen, es doch mal mit der A7 und dem Samyang zu versuchen. Tue Dir aber den Gefallen und stelle die Sucher/Display-Konfiguration von Auto auf Display (manuell), denn der Suchersensor der gesamten A7-Reihe ist zu empfindlich für Schüsse aus Bauch- bzw. Hüfthöhe und das Display bleibt immer schwarz.
      Viel Spaß und Erfolg!

Ich freue mich auf Deine Meinung:

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

Verbinde mit %s

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.