Streetfotografie – Was ist das eigentlich genau?

Nun bin ich in Sachen Streetfotografie alles andere als ein alter Hase, auch wenn ich in der Vergangenheit immer mal wieder ein paar Bilder in diesem Genre versucht und in der letzten Zeit mehr in diesem Bereich gemacht habe. Es gibt einige, bekannte oder berühmte Streetfotografen, auf deren Wort man sich bei dieser Frage eher verlassen kann, aber das nimmt mir letztlich nicht das Recht eine eigene Meinung zu haben und aus altem Wissen, neu Erlerntem und gemachter Erfahrung meine persönliche Essenz zu destillieren.

Von Henri Cartier-Bresson, der allgemein als Gründer der Streetfotografie gilt, bis zu bekannten Streetfotografie-Größen der Gegenwart wie Alex Webb, Trent Parke, Matt Stuart oder aus dem deutschsprachigen Raum ein Thomas Leuthard – jeder dieser Fotografen hat bzw. hatte eine ganz eigene Antwort auf die Frage nach dem Inhalt der Streetfotografie. Ein Aspekt dieser vielen verschiedenen Antworten ist aber sicher bei allen vorhanden: Es dreht sich immer um den Menschen im nicht arrangierten, nicht gestellten, nicht inszenierten, öffentlichen Raum! Mehr braucht es erst einmal nicht um Streetfotografie machen zu können.

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Sonstige Regeln wie:

  • Festbrennweite von 35mm
  • Kompositionsregeln
  • Schwarz-Weiß
  • usw.

sind (für mich) nicht einzementiert und unumstößlich, auch wenn uns das vielleicht einige glauben lassen wollen, und existieren um gebrochen zu werden. Eine Regel, die ich als wichtig erachte und der man meiner Meinung nach folgen sollte, ist, dass man das Bild im nachhinein zwar bearbeiten darf, aber nicht verändern sollte – verändern im Sinne von, dass Bildelemente entfernt oder nachträglich eingefügt werden.

Das wäre also mein Verständnis von Streetfotografie, wobei ich mir etwas engere Grenzen gesteckt habe, denn zwei Regeln möchte ich befolgen:

1. Schwarz-Weiß aus der Kamera, unbearbeitet

Ich weiß nicht wie das für euch ist, aber wenn ich mich mit einem Genre der Fotografie beschäftige, schaue ich nach Bücher zum Thema und Bildern von anderen Fotografen. Dabei habe ich für mich erkannt, dass mir Streetfotografie in Farbe irgendwie nicht zusagt und da bin ich nicht zuletzt besonders durch die Bilder von Thomas Leuthard beeinflusst. Und ja, es gibt sie, diese Streetfotos in Farbe, die nur wegen der Farbe dieses besondere Etwas, diesen Eye-Catcher, das Einmalige haben und in Schwarz-Weiß so nicht funktionieren würden. Aber sie sind auch selten, zu selten für mich, als das es mich davon überzeugen könnte Street in Farbe zu machen – zumindest aktuell, denn vielleicht kommt der Moment, das Motiv, die eine Szene, welche mich dazu bringt diesen Punkt nochmal zu überdenken. Bis dahin bin ich der Überzeugung, dass Farbe in der Streetfotografie zu sehr ablenkt und es schwieriger macht dem Bild eine präzise Aussage zu geben.

2. Brennweite zwischen 35 und 50mm

Hier verhält es sich ähnlich wie bei Schwarz-Weiß oder Farbe. Es gibt viele gute Fotos aus diesem Genre, die mit Brennweiten außerhalb dieses Brennweitenbereichs gemacht wurden, sogar mit Brennweiten bis zu 300mm. Meine Meinung dazu ist, dass ich mit Brennweiten, die nicht dem Blickwinkel des menschlichen Auge entsprechen, den Betrachter nicht oder nur wenig in das Bild ziehen kann und ihm eher das Gefühl des entfernten Beobachters geben. Streetfotografie sollte meiner Meinung nach schon dazu führen, dass man sich eher „mittendrin“ statt „nur dabei“ fühlt, wenn man sich ein Foto anschaut. Kleinere Brennweiten halte ich diesbezüglich eher für nutzbar, wie z.B. dieses Foto zeigt, gemacht mit 10mm in New York (wie unschwer erkennbar):

New York 2018

Jedoch sind auch diese Brennweiten in der Streetfotografie eher die Ausnahmen. Ich habe mich für den Bereich 35 – 50mm entschieden, wobei ich eher in Richtung 35mm tendiere. Man muss mit 35mm einfach etwas näher ran und taucht damit in die Szene ein.

Das, was ein Bild aus dem Genre Streetfotografie sonst noch ausmacht, wird durch die Fähigkeit des Fotografen bestimmt, sich in eine Situation zu begeben und die Aussage und Wirkung einer Szene durch Komposition, entsprechende Belichtung und Perspektive in einem Bild einzufrieren. Und genau das sind die Elemente, mit denen ich mich immer noch schwer tue und die wohl nur durch Übung, Fleiß und Mut zu beherrschen sind.

Lecker Kaffee

Wie seht ihr das, wie haltet ihr das mit Regeln? Schreibt mir eure Meinung – unabhängig vom Genre Streetfotografie – und hängt gerne ein Bild oder einen Link zu einem Bild an, welches eure Meinung und Einstellung verdeutlicht.

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Kategorien:Blogs, Street, City & moreSchlagwörter:, , , , , , , , ,

J. Haag

Ich bin 1967 geboren und am Rande der Eifel in Oberelvenich und in der Natur aufgewachsen. Seit 1988 beschäftige ich mich mit der Fotografie.

Fotografie bedeutet für mich Entspannung und Abenteuer zu gleichen Teilen. Seit den ersten analogen Bildern begleiten mich Kameras und Objektive von Minolta und nach der Übernahme durch Sony bin ich dem System treu geblieben.

Heute nutze ich neben spiegellosen Systemkameras mit Kleinbildsensor auch wieder analoge Kameras im Kleinbild- und Mittelformat sowie Sony Cybershot-Kameras mit 1"-Sensor für meine fotografischen Arbeiten, wobei ich den elektronischen Sucher der Sony-Kameras besonders schätze.

2 Kommentare

  1. Christoph

    Hallo Jörg, toller Beitrag mal wieder. Und sehr spannende Links der street-Fotografen. Trent Park hat es mir besonders aus deiner Auswahl angetan. Mit dem Sony-kamerainternen Preset „monochrome high contrast“ kommt man schon in diese Richtung. Für mich erscheint im Zusammenhang mit streetphotography Farbe auch eher nebensächlich. Schöne Helligkeitsunterschiede empfinde ich als sehenswerter.

    Meine erster Gedanke bei streefotografie ist: die Szene muss interessant sein, d.h. man muss sein Auge gut schulen im Sehen von Außergewöhnlichem. Und man braucht die Fähigkeit, schnell zu reagieren (ich denke hier nicht am 20 Bilder/s einer Sony A9), sondern im richtigen Augenblick den Auslöser zu drücken.

    Wie handhabst du es eigentlich mit dem „Recht am Bild“? Du zeigst ja auch das ein oder andere Gesicht. In Amerika scheint das kein riesen Thema zu sein. Bei uns ist spätestens seit der DSGVO alles noch schwieriger.

    • Hallo Christoph. Danke für die Blumen – Trent Park schaue ich mir auch immer wieder gerne an. Deine Meinung hinsichtlich Schnelligkeit, die nicht nur von der Kamera abhängig ist, teile ich absolut.
      Das „Recht am eigenen Bild“ ignoriere ich so lange, bis ich von jemandem gebeten werden, ein Bild von meiner Website oder von Flickr zu entfernen. In den USA ist das überhaupt kein Thema, denn die Menschen dort sind größtenteils viel offener und weniger „typisch Deutsch“ wenn es darum geht fotografiert zu werden. Tatsächlich ist das auch ein Generationenproblem in Deutschland. Hauptsächlich Mitbürger ab 30 oder 40 wollen sich wichtig machen und darauf hinweisen, dass sie irgendwo etwas über ihre Rechte gelesen haben. Je älter sie werden desto schlimmer zeigt sich dieses Verhalten. Ich bleibe ruhig und sachlich, zeige auf Verlangen das Bild und lösche es wenn gewünscht. Bei Jugendlichen und den jüngeren bis 30 muss man nochmal unterscheiden. Ohne pauschalisieren zu wollen, aber meist machen die Mitbürger mit Migrationshintergrund schnell einen auf „dicke Hose“ und fragen eher provozierend: „Ey, was fotografierst du mich?“. Deshalb gehe ich diesen Menschen meist aus dem Weg. Die anderen gehen damit eher gelassen um – Generation „social media“ eben.
      Kurz: DSGVO ist bei mir auf der „ignore list“ und ich versuche das menschlich und nicht juristisch zu regeln wenn es nötig wird.

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