Streetfotografie = Mutfotografie?, Recht am Bild und DSGVO

Mein heutiger Beitrag geht auch wieder über Streetfotografie – unschwer am Titel zu erkennen – beschäftigt sich heute aber weniger mit der technischen Komponente des Genres sondern mit der menschlichen Seite und dem, was vielen von uns bei der Streetfotografie im Wege steht bzw. fehlt: Mut! Und im Postskriptum gehe ich mal auf das „Recht am eigenen Bild“ und die DSGVO ein – vielleicht auch interessant?!

In den letzten zwei oder drei Wochen habe ich sehr viel in der Streetfotografie experimentiert und hierbei verschiedenste Kameras, Objektive und Systeme ausprobiert, wozu übrigens in der nächsten Woche ein weiterer Beitrag von mir erscheinen wird, in dem ich die benutzten Ausrüstungen bewerten werde.

Aber nun erst einmal zum Thema „Streetfotografie = Mutfotografie?“. Im letzten Beitrag zum Thema Streetfotografie habe ich einen Satz besonders hervorgehoben, der für mich die Essenz der Streetfotografie darstellt: „Es dreht sich immer um den Menschen im nicht arrangierten, nicht gestellten, nicht inszenierten, öffentlichen Raum!“.

Zeit für eine Nachricht

Die Attribute „nicht gestellt“ und „nicht inszeniert“ bedeuten dabei zwangsläufig, dass man eine gewisse Komfortzone, eine Zone der Sicherheit verlassen und sich anderen Menschen nähern, ja fast schon aufdrängen muss und dabei so weit wie möglich unscheinbar und unauffällig bleiben möchte. Dieses, sich anderen mit der Kamera nähern, sich diesen Menschen fast in den Weg stellen und ihnen – übertrieben formuliert – die Kamera ins Gesicht halten, ist das, was Überwindung und Mut erfordert, immer und immer wieder. Ich weiß nicht wie oft ich schon versucht habe mich unauffällig einer bestimmten Person, einer besonderen Situation zu nähern und habe mich dann doch im letzten Moment abgewendet, weil sich der Smartphone lesende Mitmensch in ungewöhnlicher Körperhaltung bewegt hat (Nein, das war nicht der Herr im Bild oben). Und anschließend habe ich mich geärgert, weil ich dann gesehen habe, dass er nicht mich bemerkt, sondern einfach nur die Sitzposition verändert hat und ich das Bild ohne aufzufallen hätte machen können.

Aber warum möchte man eigentlich nicht auffallen wenn man andere Menschen z.B. in der Stadt fotografiert? Nun, ich denke, dass die Welt und die Menschen darin – ganz besonders in Deutschland – hinsichtlich des „fotografiert werdens“ ziemlich paranoid geworden ist. Jeder schaut mit Argwohn auf Menschen mit Kameras (nicht Smartphones) und scheint nur darauf zu warten die alles entscheidende Frage stellen zu dürfen: „Haben Sie / Hast Du mich gerade fotografiert?“. Und für mich sieht es wirklich so aus, als ob die Kamera das entscheidende Element ist, denn wie wild knipsende Smartphone-Nutzer werden ignoriert. Dabei werden mittlerweile ca. 85% alle Bilder auf dem Planeten von Smartphones gemacht und das in einer Qualität, die so manchen „richtigen“ Kameras in Nichts nachsteht. Darüber solltet ihr euch sorgen machen, wenn ihr nicht fotografiert werden wollt! Aber ich schweife ab… Eigentlich möchte man nicht auffallen um eben dieser Frage und der daran anknüpfenden Diskussion aus dem Weg zu gehen, um vielleicht nicht an den Falschen mit gesteigertem Gewaltpotential zu geraten um nicht am Ende die eigene Kamera im eigenen Gesicht zu haben.

Ich bin kein Psychologe und kann somit also nicht die Zusammenhänge erklären was in einem Menschen passiert, der sich als Fotograf freiwillig in eine entsprechende Situation begibt. Das Wort „freiwillig“ hat dabei einen besonderen Stellenwert, denn kein Fotograf wird in die Ausübung des Genres gezwungen. Trotzdem kann ich den psychologischen Aspekt für mich auf folgende Gefühle einschränken:

Angst

Angst ist einer der Urinstinkte aller fühlenden Lebewesen. Angst bewahrt uns vor nicht einschätzbaren Gefahren und Risiken. Je bedrohlicher eine Situation auf uns wirkt desto größer ist die Angst. Um die Angst zu überwinden müssen wir Mut aufbringen und wir mögen vielleicht alle das gleich starke Gefühl von Angst in einer bestimmten Situation haben, jedoch sind wir alle unterschiedlich mutig und während der eine einer Situation lieber aus dem Weg geht, stellt sich ein anderer der Situation und nimmt sie an.
Übertragen auf die Streetfotografie habe ich festgestellt, dass bei mir die Angst vor der Situation besonders abhängig von der jeweiligen Person / den Personen im Bild ist. Als Beispiel zwei Bilder; beim ersten hatte ich deutlich weniger Angst als ich das beim zweiten Bild hatte. Beide Male kam ein Mann auf mich zu, jedoch habe ich mich bei dem Mann mit Hund, der mir schon durch seinen Gang auffiel, entsprechend Unwohl gefühlt und mehr Angst verspürt.

Ohne Titel

Begegnung im Dunkeln

Freude oder Frust

Beide Gefühlsarten sind wohl allen unter uns bekannt, die nach dem richtig guten Foto streben und permanent an Komposition, Stil oder sonstigen Verbesserungen der gemachten Fotos arbeiten. In der Streetfotografie überwiegt bei mir aktuell noch das Frustgefühl, wenn ich nach einer Streetsession durch die Ergebnisse schaue. Tatsächlich wirken die Bilder auf dem großen Monitor dann doch anders als auf dem kleinen Kameradisplay, maßgeblich bedingt dadurch, dass der Schärfepunkt bei der Aufnahme nicht dort liegt, wo ich ihn erwartet hätte. Hier ein Beispiel:

AbwärtsDie Wahl einer kleineren Blende könnte hier sicherlich Abhilfe schaffen, aber das ist nicht das was ich möchte, denn bei der Betrachtung der vorhandenen oder entstehenden Situation definiere ich auch eine gewisse, gewünschte Bildwirkung, bei der ein Verlauf von Schärfe nach Unschärfe eine nicht zu unterschätzende Rolle spielt.

Auch wenn das Bild oben nicht das ideale Beispiel ist (andere, unscharfe Bilder lösche ich meist), so sind es dann meist diese Situationen, die mehr Mut zum näher Herangehen und weniger Hektik bei der Kameraeinstellung erfordern und so bleibt hier die Frage, ob sich durch mehr Mut (also weniger Angst) in der Streetfotografie der Anteil an Freude vergrößern und der Frust reduzieren lässt? Was ist eure Meinung dazu?

P.S.: Während ich diesen Beitrag geschrieben und andere Beiträge zum Thema Streetfotografie veröffentlicht wurden, haben mich immer wieder Kommentare und Nachrichten zum Thema „Recht am eigenen Bild“ und DSGVO erreicht und einen Kommentar möchte ich hier stellvertretend aufgreifen:

Wie handhabst du es eigentlich mit dem „Recht am Bild“? Du zeigst ja auch das ein oder andere Gesicht. In Amerika scheint das kein riesen Thema zu sein. Bei uns ist spätestens seit der DSGVO alles noch schwieriger.

Ich bin ebenso wenig Jurist wie Psychologe und das hier ist keine rechtsverbindliche Aussage. Das mir also keiner auf die Idee kommt und mich zitiert oder sagt: „Ja, aber bei Jörg Haag habe ich gelesen, dass ….“!

Zu allererst möchte ich das Recht am eigenen Bild und das Thema DSGVO trennen. Beim „Recht am eigenen Bild“ geht es letztlich „nur“ darum, dass jemand nicht einverstanden sein kann, wenn ein erkennbares Abbild seiner Person veröffentlich wird und dieses Recht dann durchsetzen darf. Das kann jeder bei mir gerne erreichen: Einfach eine Nachricht über das Kontaktformular senden und ich werde das jeweilige Bild schnellstmöglich aus meinem Bildspeicher bei Flickr und hier von diesem Blog entfernen. Für die weitere Verwendung des Bildes durch Diebstahl und Verletzung des Urheberrechts kann ich leider nichts.

Zur DSGVO: Ich habe diese Grundverordnung und ihre 99 Artikel nicht gelesen, aber im Kern geht es darum, dass eine Person anhand von erhobenen Daten identifiziert werden kann. Davor sollen die Menschen in Europa geschützt werden, das einheitlich und das finde ich im Kern gut. Also ja, DSGVO für Unternehmen, die meine Daten haben wollen, ist gut und richtig, weil ohnehin schon zu viel Unsinn mit personenbezogenen Daten gemacht wird. Jedoch kann ich nicht erkennen, welche personenbezogenen Daten ich durch ein Foto erhebe. Gut, ich zeige einen Menschen, der evtl. von sich, seiner Familie und Freunden an einem bestimmten Ort in einer bestimmten Situation erkannt wird. Wenn er deshalb nun Ärger mit seiner Frau bekommt, hätte er sich vorher überlegen sollen dort hinzugehen. Ich kenne und erhebe aber weder Vor- oder Nachname, noch verschiedene Identifikationsnummern, Lokalisierungsdaten (na ja, die vielleicht schon), Geburtsdaten und Geburtsnummern, E-Mail-Adressen, Profile auf sozialen Netzwerken, Online-Identifikatoren wie IP Adressen, Cookies, biometrische Daten, Gesundheitsdaten, Videoaufzeichnungen oder evtl. Angaben über die Tätigkeit in einer Gewerkschaft.

Also in kurz: Das „Recht am eigenen Bild“ kann jeder bei mir einfordern. Vorauseilender Gehorsam war aber noch nie mein Ding und deshalb zeige ich weiter Streetfotos. Und die DSGVO kann mich mal …

Wie sehr ihr das?

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J. Haag

Ich bin 1967 geboren und am Rande der Eifel in Oberelvenich und in der Natur aufgewachsen. Seit 1988 beschäftige ich mich mit der Fotografie.

Fotografie bedeutet für mich Entspannung und Abenteuer zu gleichen Teilen. Seit den ersten analogen Bildern begleiten mich Kameras und Objektive von Minolta und nach der Übernahme durch Sony bin ich dem System treu geblieben.

Heute nutze ich neben spiegellosen Systemkameras mit Kleinbildsensor auch wieder analoge Kameras im Kleinbild- und Mittelformat sowie Sony Cybershot-Kameras mit 1"-Sensor für meine fotografischen Arbeiten, wobei ich den elektronischen Sucher der Sony-Kameras besonders schätze.

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