Workshop Fachkamera – Fotografie mal anders

Habt ihr schon mal jemanden gesehen, der mit einer Fachkamera fotografiert hat? Faszinierend, oder? Alleine die Kamera macht neugierig. So erging es auch mir und deshalb habe ich bei der Firma JOBO in Gummersbach einen zweitägigen Workshop zum Thema Fachkamera & Labor besucht – darüber möchte ich berichten.

Eine Anmerkung vorab: Ich weiß, dass es dort draußen sehr viele Fotografen gibt, auf welche der nächste Absatz nicht zutrifft und die sich auch mit der Digitalkamera Zeit für das Motiv nehmen – wenn auch vielleicht nicht immer. Ich schreibe hier vorrangig von mir persönlich und davon, wie ich mich selber sehr oft wahrnehme, wenn ich mit der Digitalen unterwegs bin.

Die digitale Fotografie bietet ohne Frage jede Menge Vorzüge, auf die ich nicht mehr verzichten und die ich auch weiterhin nutzen möchte und werde. Einer der Nachteile der digitalen Fotografie ist aber, dass man sich in den meisten Fällen nicht mehr wirklich mit dem Motiv beschäftigt und häufig schnell mal auf den Auslöser drückt um ein Motiv festzuhalten und einfach mitzunehmen. Was man damit macht entscheidet sich meist erst am Schreibtisch bei der Bearbeitung der Bilder. Und Hand auf’s Herz: Wie viele Bilder wandern letztlich in den Papierkorb, weil das Bild irgendwie doch nicht die gewünschte oder überhaupt keine Aussage und nur – wenn überhaupt – „dokumentarischen“ Charakter hat. Natürlich alles legitim und jeder soll seine Fotografie so leben und ausführen wie er möchte – wie gesagt, ist das nicht als Kritik gedacht. Trotzdem möchte ich an dieser Stelle in Bezug auf die Fotografie mit Fachkameras im Großformat etwas vorwegschicken: Fotografie mit Fachkameras im Großformat ist nichts für den Ungeduldigen und den Bequemen – sie fordert Mühe, Schlepperei, Zeit und ein Motiv, für das sich das alles lohnt, mit dem man sich vorher Zeit auseinandergesetzt und für das man eine konkrete Bildidee entwickelt hat. Sie unterscheidet sich von der digitalen Fotografie wie die Pommesbude vom Feinschmeckerlokal, wie die Bildzeitung von einem guten Buch, wie die Limo vom guten, alten Rotwein. Sie ist eher Genuss denn Konsum – so viel kann ich nach zwei Tagen Workshop sagen. Aber: Wenn einem Rotwein nicht schmeckt und man lieber eine Limo trinkt, ändert daran auch verlängerter Zwangsgenuss nichts. Will sagen: Ich bin nach diesen zwei Tagen Workshop auch noch nicht sicher, ob ich mich auf dieses Prinzip der Fotografie einlassen möchte. Bei Rotwein und Limo habe ich mich allerdings schon vor Jahren entschieden. 😉

Die Fachkamera

Das erste was man im Workshop „Fachkamera & Labor“ lernt, ist, wie eine Fachkamera aufgebaut ist, aus welchen Komponenten und – im Besonderen bei den Chamonix-Kameras – aus welchen Materialien diese besteht. Zu diesem Zweck baut der Kursleiter eine Kamera Stück für Stück aus hinterer und vorderer Standarte, Balgen und Objektiv zusammen.

Aufbau einer Chamonix Fachkamera
Aufbau einer Chamonix Fachkamera
Detlef Grosspietsch erklärt wie eine Großformat-Fachkamera (hier Chamonix C45H-1) aufgebaut ist.

Interessant sind dabei aus meiner Sicht zwei Punkte:

  • Die Chamonix-Fachkameras sind aus Holz und Karbon gefertigt. Das macht sie bei geringem Gewicht sehr robust.
  • Objektive gibt es nicht mehr neu zu kaufen, sondern sind nur noch auf dem Gebrauchtmarkt erhältlich. Was das bedeutet erläutere ich am Ende des Beitrags.

Shiften, Tilten und Scheimpflug in Theorie und Praxis

Nachdem der Aufbau der Kamera erklärt war, wurden die bildgestalterischen Möglichkeiten von shiften, teilten und der Scheimpflugschen Regel in der Theorie erläutert, bevor wir diese an technischen Modellen und eigenen Bildern erproben und erfahren durften.

Shiften

Das Shiften (dt. Parallelverschiebung) beschreibt eine Verschiebung der vorderen Standarte in der Vertikalen und Horizontalen, also eine Verschiebung der optischen Achse parallel zur Bildebene. Dabei wird der gewünschte Bildausschnitt gewählt ohne die Kamera nach oben oder unten zu kippen bzw. seitlich zu schwenken, was stürzende Linien in der Vertikalen bzw. perspektivische Linien in der Horizontalen zur Folge hätte. Hierbei ist es wichtig zu wissen, dass sich der Bildausschnitt im Bildkreis des Objektivs in dessen Randbereiche bewegt, in denen die Abbildungsleistung von geringere Qualität sein kann.

Konzentriertes Arbeiten am Motiv
Leichtes Shiften nach unten
Vermeiden von stürzenden Linien trotz Beibehaltung der Aufsicht
Ausrichten der Filmebene
Aufsicht auf das Motiv, parallele Bild und Motivebene durch Shiften

Tilten

Das Tilten dient der selektiven Verlagerung der Schärfeebene (Anwendung der Scheimpflugschen Regel). Durch Neigen der vorderen Standarte um die X-Achse oder / und Drehen um die Y-Achse lässt sich sowohl eine selektive Schärfeebene definieren als auch eine durchgehende Schärfe in einer schiefen Ebene erzeugen.

Erläuterungen vom Referenten
Shift und Tilt der vorderen Standarte (Objektivebene) zur gezielten Platzierung der Schärfe in einer Ebene

Ergebnis von Shift und Tilt

Versuch macht kluch (klug) – sagte meine Oma immer. Also habe ich das mit der gezielten Platzierung der Schärfe in einer Ebene ausprobiert und ein Bild auf einem 4×5 Zoll großen Negative gemacht, welches danach per Epson V850 eingespannt wurde. Mein Ziel war es die beiden Schriftzüge (SONY und Voigtländer) in eine Schärfeebene zu bringen und alles drumherum leicht unscharf abzubilden. Leider ist mir das nicht ganz gelungen und für einen weiteren Versuch war nicht wirklich Zeit. Und leider habe ich auch keine Aufnahme von der Stellung der Kamerastandarten gemacht, für die ich bestimmt 15 – 20 Minuten gebraucht habe.

Chamonix_C45H-1_Shift_Tilt
(Hoffentlich) Erkennbarer Verlauf der selektiv platzierten Schärfe in einer Ebene über die beiden Schriftzüge.

Die Erfahrung mit dem obigen Bild zeigt, wie genau man arbeiten muss. Die Kontrolle der Schärfe und die Platzierung dieser Ebene wird mit Abblenden des Objektivs immer schwere, besonders Indoor. Nachfolgend das erste Bild, welches weit weg von gut ist, aber wenigstens sitzt die Schärfe dort wo sie hin soll:

Chamonix_C45H-1_2

Ein Vergrößerungsglas ist unabdingbar und häufig ging diese Kontrolle nur mit zusätzlicher Beleuchtung.

Setzen und Prüfen der Schärfe
Tilten, Shiften und Scheimpflug

Objektive für Fachkameras

Wie weiter oben bereits erwähnt, sind Objektive für Fachkameras im Großformat nicht mehr als Neuware zu bekommen und werden nur noch auf dem Gebrauchtmarkt angeboten. Sollte man sich also entscheiden in die Fotografie mit Fachkameras im Großformat einzusteigen, sollte man ein paar Punkte beherzigen:

  • Den Gebrauchtkauf von Privat empfehle ich grundsätzlich nur bei persönlicher Abholung, damit man Klarheit der Gläser und die Qualität von Glasfassungen usw. bewerten kann. Für den Online-Kauf empfiehlt sich die Vereinbarung eines Rückgaberechts oder der Kauf beim Händler, der an das Fernabsatzgesetz gebunden ist.
  • Unterschiedliche Objektive haben unterschiedliche Bildkreise, was zur Konsequenz hat, dass nicht jedes Objektiv an jedem beliebigen Großformat benutzt werden kann. Hat man sich für eine Brennweite am jeweiligen Format entschieden, so sollte man sicherstellen, ob der Bildkreis ausreichend groß ist um horizontal und vertikal shiften zu können, ohne dass die Bildqualität dramatisch nachlässt.
Großformat Objektiv
Großformat Objektiv
Technische Daten und Bildkreis eines Rodenstock Grandagon N 65mm

Im Labor

Bevor und nachdem man Bilder macht, findet einiges an Arbeit im Dunkeln statt. Das Beladen der Planfilmkassetten kann ebenso nur in absoluter Dunkelheit stattfinden wie das anschließende Entladen der Kassetten und Bestücken der Entwicklungstrommel.

Die 4x5" Filmkassette
Üben mit einer Planfilmkassette bei Licht

Mit ein paar sehr hilfreichen Tipps von Detlef Grosspietsch war das Beladen der Kassetten in der Dunkelkammer nicht wirklich schwierig und ist sicherlich ohne große Probleme auch in einem Wechselzelt für jeden machbar. Die Filme haben eine Markierung am Rand. Ist diese oben rechts zu fühlen, ist die Seite des Films mit der Emulsion oben. Den Schieber der Kassette sollte man nie ganz herausziehen und auch für das Einschieben des Films findet man schnell das nötige Feingefühl.

Die restlichen Entwicklungsarbeiten im Labor wurden vom Kursleiter unter detaillierter Beschreibung der einzelnen Schritte durchgeführt: Vorwässern, Entwickeln, Stoppen, Fixieren, Wässern, Trocknen – Fertig. Hier ein paar Momentaufnahmen:

Vorwässerung der ersten Filme
Vorwässern des Films mit H2O
Entwickler ablassen
Entwickler ablassen
Fixierer ablassen
Fixierer auffangen

Fazit

Mit den ersten Ergebnissen bin ich nicht ganz zufrieden. Beim ersten Bild von der Fachkamera habe ich mich nur auf die Technik konzentriert – das Motiv und dessen Inszenierung kam dabei zu kurz. Ein schwarzer Hintergrund und entweder viel weniger Schärfentiefe oder vielleicht doch alles scharf hätten Bild sicherlich gut getan. Das zweite Bild von meiner Digitalkamera mit dem Voigtländer Objektiv gefällt mir da schon besser, auch wenn dieses Bild dann wiederum technisch nicht gut ist, da der Voigtländer-Schriftzug nicht ganz scharf ist.

Die Erfahrung daraus ist aber, dass das Arbeiten mit einer Fachkamera sehr anspruchsvoll ist und Präzision sowie Geduld erfordert. Der Workshop hat enormen Spaß gemacht und war unheimlich lehrreich. So kann ich z.B. sagen, dass ich mir schon häufiger etwas zum Thema Scheimpflug durchgelesen, aber erst seit diesem Workshop genau verstanden habe, worum es dabei geht. Der Laborteil des Workshops war ebenfalls sehr aufschlussreich und hat mir die Angst vor dem Einlegen des Films in die Kassetten genommen. Selber entwickeln werde ich wohl nicht mehr – dazu fehlt mir aktuell der Platz, ein Raum und die Zeit. Aber dafür gibt es gute Dienstleister, die dann auch direkt scannen, wie z.B. JOBO in Gummersbach.

Interesse am Thema? Dann schaut doch mal auf JOBO Artisan-Seite unter joboartisan.com.

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J. Haag

Ich bin 1967 geboren und am Rande der Eifel in Oberelvenich und in der Natur aufgewachsen. Seit 1988 beschäftige ich mich mit der Fotografie.

Fotografie bedeutet für mich Entspannung und Abenteuer zu gleichen Teilen. Seit den ersten analogen Bildern begleiten mich Kameras und Objektive von Minolta und nach der Übernahme durch Sony bin ich dem System treu geblieben.

Heute nutze ich neben spiegellosen Systemkameras mit Kleinbildsensor auch wieder analoge Kameras im Kleinbild- und Mittelformat sowie Sony Cybershot-Kameras mit 1"-Sensor für meine fotografischen Arbeiten, wobei ich den elektronischen Sucher der Sony-Kameras besonders schätze.

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