Neue Liebe: Voigtländer 75 mm/1:1,5 Nokton VM

Ich kann mich nicht erinnern, wann und ob ich überhaupt mal einen Titel für einen Blogbeitrag zu einem Objektiv gewählt habe, der mit den Worten „Neue Liebe…“ begann. Zu dick aufgetragen? Hmm, kann sein – und es ist ja auch noch nicht sicher, ob wir überhaupt zusammenkommen – wie das eben so beim „sich verlieben“ ist…

Kürzlich hat Voigtländer das 75mm/1:1,5 Nokton VM vorgestellt. Ich habe mir das Objektiv zusammen mit dem 35mm/1:1.4 Nokton Classic von Voigtländer ausgeliehen und mit auf Städtetour nach Barcelona genommen. Das „VM“ in der Typbezeichnung steht für den Leica-Mount und so war ein LM-E-Adapter nötig, den mir Voigtländer ebenfalls zur Verfügung gestellt hat.

Das Voigtländer 75mm/1:1,5 Nokton VM

Technische Daten

Die vollständigen Daten findet ihr auf der Voigtländer-Seite zum Objektiv. Mich interessiert vorrangig das Gewicht, welches inkl. Voigtländer VM Adapter II für E-Mount bei 451 Gramm liegt. Damit ist das Objektiv unwesentlich schwerer als das Sony FE 85mm F1.8 (430 Gramm) und etwas mehr als 200 Gramm leichter als das Voigtländer 65mm/1:2 MACRO APO-LANTHAR (660 Gramm)

Verarbeitung, Haptik und Handling

Das 75mm/1:1,5 Nokton liegt gut in der Hand und vermittel mit seinen Metalltubus und den geriffelten Fokus- und Blendenringen eine hohe Wertigkeit. Selbst mit der Kamera am Auge ist der weit vorne liegende Blendenring leicht zu ertasten; der breitere Fokusring liegt für mich etwas zu nah an der Kamera. Der Fokusring ist leichtgängig und präzise, vom Nahbereich bis zur Fokussierung auf unendlich benötigt es lediglich eine viertel Drehung. Die Gegenlichblende wird aufgesteckt und mit einer Ränderschraube fixiert. Im Gegensatz zu anderen Objektiven muss dafür der Objektivdeckel entfernt werden. Das ist grundsätzlich kein Problem, da man die relativ kleine Gegenlichblende vermutlich immer angebracht lässt. Schade ist nur, dass das Aufsetzen des Deckels bei angebrachter Gegenlichtblende richtig fummelig wird und mir diese schon mehrfach beim Aufsetzen heruntergefallen ist.

Was mir bei der Handhabung fehlt, ist die elektrische Kopplung mit der Kamera und so erfordert die Wahl der Blende, dass man die Kamera vom Auge nimmt und auf den Blendenring schaut – ein Nachteil rein mechanisch adaptierter Objektive wie aus der Reihe mit Leica-M Bajonett.

Vergleich 65mm – 75mm – 85mm

Das Voigtländer 75mm/1:1,5 Nokton VM wird auf der Voigtländer-Seite mit folgendem Titel angepriesen: „Unbeschreibliche Portraits“. Dabei geht es in meinem Verständnis um die Abbildung des Übergangs von Schärfe zu Unschärfe, also um das Rendering des Bokeh. Dem folgend habe ich mir überlegt, wie ich mich der Prüfung dieser Aussage technisch nähern kann und habe mich für einen statischen Objektivvergleich entschieden. Da ich kein äquivalentes Objektiv mit 70 oder 75mm Brennweite und gleicher Lichtstärke zur Verfügung habe, habe ich zwei Objektive aus meinem Bestand zum Vergleich herangezogen, die in Sachen Brennweite und Lichtstärke am nächsten dran sind:

  • Voigtländer 65mm/1:2 MACRO APO-LANTHAR und
  • Sony FE 85mm F1.8

Das Sony FE 85mm ist mein „Brot und Butter“-Portraitobjektiv und ich liebe es damit zu arbeiten, nicht zu letzt wegen der Fokushaltetaste, mit der man wunderbar den Eye-AF bei Portraits aktivieren kann. Das Voigtländer 65mm/1:2 MACRO APO-LANTHAR ist eigentlich, wie die Typenbezeichnung schon sagt, ein Makroobjektiv und wie man weiß, mag ich Makroobjektive wegen ihrer brutalen Schärfe nicht so sehr für Portraits.

Bildwirkung bei verschiedenen Blenden

Zwei der drei Objektive haben ähnliche Nahgrenzen: Das 75mm VM liegt mit 0,7 Meter Nahgrenze dicht beim Sony 85mm mit 0,8 Meter. Das 65mm liegt mit 0,31 Meter deutlich darunter, jedoch wird niemand mit diesem Objektiv an der Nahgrenze Portraits machen wollen, denn dann ist gerade mal nur ein Auge im Bild zu sehen. Also habe ich die nachfolgenden Vergleichsaufnahmen mit dem 75mm VM und dem Sony 85mm an der Nahgrenze und dem 65mm bei einer Entfernung von 0,68 Meter gemacht, damit der Bildausschnitt ungefähr gleich ist.

Das Voigtländer 75mm hat mit f/1.5 die größte Offenblende. Dem am nächsten kommt das Sony FE 85mm F1.8 und mit diesen beiden Bildern fangen wir den Vergleich an.

Die Bildwirkung in Sachen Bokeh ist sehr ähnlich, jedoch sieht man beim Voigtländer eine deutliche Vignettierung, denn die Bildränder und -ecken fallen in der Helligkeit ab. Was der Vergleich oben nicht direkt zeigt, ist der Unterschied in der Schärfe:

Voigtländer 75mm bei F1.5 (Klick öffnet das Bild im neuen Tab)
Sony FE 85mm bei F18 (Klick öffnet das Bild im neuen Tab)

Wenn man beide Objektiv eine Stufe auf F2.0 abblendet zeigt sich folgender Vergleich:

Voigtländer 75mm bei F1.5 (Klick öffnet das Bild im neuen Tab)
Sony FE 85mm bei F1.8 (Klick öffnet das Bild im neuen Tab)

Auch wenn das Sony 85mm etwas schärfer ist, was vielleicht auch am Autofokus (also an einem Fehler beim manuellen Fokussieren) liegen kann, so ist das Voigtländer nun gut und voll nutzbar.
Vergleichen wir nun mal zwei manuell fokussierende Objektive von Voigtländer bei F2:

Hier das Bild vom 65mm F2, das 75mm F2 ist oben verfügbar:

Voigtländer 65mm bei F2.0 (Klick öffnet das Bild im neuen Tab)

Hinsichtlich Vignettierung ist zwischen dem Voigtländer 75mm und dem Voigtländer 65mm kein Unterschied auszumachen. Die Unschärfe (Bokeh) gefällt mir aber beim 75mm um einiges mehr, besonders wenn man den Blick auf die Pylonen im Vordergrund und ganz am Ende wirft. Das 65mm Macro APO-Lanthar hat den Vorteil der geringeren Naheinstellgrenze – klar, ist auch für 1:2 Makro gebaut – und bietet somit die Möglichkeit noch näher an das Objekt heranzugehen um die 65mm Brennweite etwas zu kompensieren und Portraits in ihrer Aussage zu verdichten.

Werfen wir noch eine Blick auf den Vergleich bei F5.6 zwischen den drei Objektiven; zuerst das 75mm mit dem Sony 85mm:

Wie erwartet werden die Unterschiede bei weiter geschlossener Blende immer geringer. Lediglich das Voigtländer 65mm F1:2 Macro APO-Lanthar fällt mit einer etwas raueren Art des Bokehs auf. Vignettierung und Farbgebung sind jedoch bei allen drei Objektiven überraschend gleich.

Alle Bilder des obigen Vergleichs von Offenblende bis F16 findet ihr hier zum Download: Klick

Bilder

Offenblende 1:1,5

Die nachfolgenden Bilder sind alle extra und nur für diesen Beitrag mit Offenblende an der A7RII gemacht und abgesehen vom Beschnitt nicht bearbeitet. Ein Klick in die Album-Vorschau öffnet das Album bei Flickr. Dort kann man sich die Bilder in voller Größe anschauen.

Flickr-Album Voigtländer 75mm F1.5 Offenblende

Bilder mit sonstigen Blenden

Zu der Zeit als ich das Objektiv von Voigtländer zur Verfügung gestellt bekommen habe, bestand eine hohe Nachfrage bezüglich des 75mm/1:1.5 Nokton VM. Normalerweise nimmt es Voigtländer mit der Leihdauer nicht so genau und da gehen dann auch schon mal 1 oder 2 Wochen mehr. Aber in diesem Fall war das leider nicht möglich und so gibt es „nur“ die Bilder zu begutachten, die ich während des Trips nach Barcelona gemacht habe.

Avinguda del Portal de l'Àngel
Avinguda del Portal de l‘Àngel
ohne Titel
Eins schöner als das Andere
Eins schöner als das andere

Preis-Leistung unter der Lupe

Das Voigtländer 75mm/1:1.5 Nokton VM kostet 999,00 Euro UVP. Stellt sich die Frage, ob 1.000 Euro ein angemessener Preis für ein Objektiv dieser Art ist; ein Objektiv, welches für Leica M-Bajonett gebaut und sicherlich auch für diese Kameras und deren Sensoren optimiert ist. Ich kann und möchte diese Frage nicht generell beantworten, denn ich habe mit dem 65mm/1:2 APO-Lanthar und dem 40mm/1:1.2 Nokton asphärisch zwei Voigtländer Objektive in gleicher oder ähnlicher Preislage und bin von der Leistung mehr als überzeugt. Jedoch bieten mir diese Objektive eine elektrische Kopplung, damit ich die gewählte Blende im Sucher sehe und die exif-Informationen im Bild habe. Mit dem 75mm/1:1.5 habe ich das nicht und muss mir z.B. den Objektivnamen und die Brennweite per Skript und exiftool in die RAWs schreiben. Jedoch: Für Fotografen, denen manuelles Fokussieren nichts ausmacht ist dieses Objektiv zu diesem Preis es wert einmal genauer hinzusehen und es auch einmal auszuprobieren.

Blick vom Hotel Barceló Raval
Blick vom Hotel Barceló Raval

Fazit

Die kurze Fassung: Ich wünsche mir sehr, sehr, sehr und noch viel mehr ein Voigtländer 75mm/1:1,5 mit E-Mount.

Fat Tire Bike Tours ?
Fat Tire Bike Tours ?

Die lange Fassung: Das Voigtländer 75mm/1:1,5 Nokton VM ist im Bereich seiner Brennweite ein tolles Objektiv. Wie die Bilder oben zeigen, kann man mit dem 75mm/1:1.5 Nokton VM ohne Probleme Tiefe in die Bilder bringen – eine passende Komposition vorausgesetzt. Sauber fokussiert liefert dieses Objektiv auch bei Offenblende im Zentrum scharfe Bilder, die zum Rand hin und in den Ecken etwas an Schärfe verlieren. Das ist wohl der Preis, den man für die Kompaktheit und geringe Größe des Objektivs bezahlt.
Was mir fehlt ist die elektrische Kopplung mit der Kamera, welche die Anzeige der gewählten Blende im Sucher ermöglichen würde – für mich eine extrem wichtige Information die verhindert, dass ich die Kamera vom Auge nehmen muss und so auch Einfluss auf das Bild hat. Ja, ich könnte die Blende komplett öffnen und die Rasten zählen um eine ungefähre Blende zu setzen – aber das ist mir ehrlich gesagt zu umständlich.

Dahinten rechts, oder?
Dahinten rechts, oder?

Das Voigtländer 75mm/1:1,5 Nokton VM ist ein Objektiv zum verlieben. Ich empfinde besonders die Brennweite von 75mm genau richtig; länger als die klassischen 50mm, aber nicht so lang wie die 85mm der nächsten Stufe bei den Festbrennweiten im Kleinbild. Also 75mm gegenüber 85mm sind für mich in etwa so richtig wie die 40mm gegenüber den 50mm, über die ich bereits an anderer Stelle berichtet habe.

Das Fotografieren mit dem 75mm macht einfach nur Spaß und man wird mit schönen Bildern belohnt. Wenn man gerne manuell fokussiert, auch bei Portraitaufnahmen, gerade ein Portraitobjektiv sucht weil man vielleicht noch nichts im Bereich 85mm hat, lohnt sich ein Blick auf das Nokton VM.
Ich kann nur sagen: Ach, hätte es nur die elektrischen Kontakte für die Blendenanzeige im Sucher….

Placeta de Manuel Ribé
Placeta de Manuel Ribé

Nachtrag Portraits

Leider hatte ich das Objektiv nur zwei Wochen – eine Woche in Barcelona und eine Woche zu Hause – und habe es nicht geschafft in der zweiten Woche ein Model für ein paar Portraitaufnahmen zu finden. Das wird aber nachgeholt, sobald der „Hype“ um das Objektiv etwas abgeflaut ist und weniger Anfragen für die Teststellung bei Voigtländer vorliegen. Zwei Streetaufnahmen mit Portrait-Touch sind mir aber in Barcelona gelungen, die ich hier als Appetizer zeigen möchte:

Flamenco Solo
Flamenco Solo
Aline
Aline
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J. Haag

Ich bin 1967 geboren und am Rande der Eifel in Oberelvenich und in der Natur aufgewachsen. Seit 1988 beschäftige ich mich mit der Fotografie.

Fotografie bedeutet für mich Entspannung und Abenteuer zu gleichen Teilen. Seit den ersten analogen Bildern begleiten mich Kameras und Objektive von Minolta und nach der Übernahme durch Sony bin ich dem System treu geblieben.

Heute nutze ich neben spiegellosen Systemkameras mit Kleinbildsensor auch wieder analoge Kameras im Kleinbild- und Mittelformat sowie Sony Cybershot-Kameras mit 1"-Sensor für meine fotografischen Arbeiten, wobei ich den elektronischen Sucher der Sony-Kameras besonders schätze.

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