Ältere Objektive an hochauflösenden Sensoren – Teil 1

Objektive aus Zeiten des analogen Films treffen heute immer wieder auf Hightech-Kameras mit hochauflösenden Sensoren. Sind die Gläser an den modernen Kameras überfordert oder bieten sie weiterhin eine günstige Alternative für den manuell fokussierenden Foto-Handwerker?

Meine erste, digitale Spiegelreflex war die Sony alpha 700 mit 12,2 Megapixel und die nachfolgenden Kameras mit APS-C- und KB-Sensoren haben nach und nach immer mehr an Megapixel zugenommen. Der zwischenzeitliche Höhepunkt im Sony alpha-Lineup waren die A7R II und A7R III mit 42 Megapixel. Im September 2019 hat Sony dann mit der A7R IV nachgelegt und den KB-Sensor mit 61 Megapixel in diese Kamera gepackt – eine Auflösung, die man bisher nur aus dem Bereich der Mittelformat-Kameras kannte.

Nun nutze ich meine älteren Minolta MC-/MD-Objektive sehr gerne an den digitalen, spiegellosen Kameras – in letzter Zeit weniger, seit ich die Voigtländer-Reihe für mich entdeckt habe – und war bisher immer positiv überrascht, dass diese Objektive auch heute noch erstaunliche Bildergebnisse liefern und das auch an Kameras mit 24 und 42 Megapixeln.

(Luft-)Fahrzeuge
Minolta MD Rokkor 50mm F1.4 an Sony A7R2
Köln-Agnesviertel
Minolta MD Rokkor 85mm F2 an Sony A7R2
Siegauen / Sieg meadows
Minolta MC W.Rokkor 21mm F2.8 an Sony A7R2

Stellt sich mir aus heutiger Sicht die Frage, wie sich diese Objektive an der neuen Sony A7R IV mit 61 Megapixel verhalten und um das herauszufinden bin ich losgezogen mit dem Ziel, folgende Objektive im 1. Teil der Reihe miteinander zu vergleichen – gleiches Motiv, gleiche Einstellungen, manuelle Fokussierung.

Weitwinkel 21mm

Minolta MC W. Rokkor-NL 21mm F2.8
vs.
Voigtländer 21mm/1:3.5 Color Skopar ashpärisch

Ich höre schon die Ersten fragen: „Willst du ernsthaft ein Objektiv aus der Zeit 1973 – 1977 mit einem modernen, neu gerechneten Voigtländer vergleichen?“. Nun, das Minolta ist ein altes Schätzchen und war seinerzeit eines der besten 21er. Es hatte bereits „Floating Elements“ und war damals damit hinsichtlich der Konstruktion und des Designs modern und am Puls der Zeit. Zusätzliche Informationen zum Objektiv findet ihr auf allphotolenses.com.

Größenvergleich

Der Größenvergleich zeigt, dass optische Qualität damals nur durch eine aufwändige Konstruktion möglich war. Das Minolta verfügt über 12 Elemente in 9 Gruppen, während das Voigtländer über 9 Linsen in 8 Gruppen verfügt. Das und die Rechnung für kürzere Auflagenmaß des E-Mount lässt den Größenvergleich klar zu gunsten des Voigtländer ausgehen und auch beim Gewicht liegt das Voigtländer mit 230 g gegenüber 510 g beim Minolta vorne.

Kommen wir zum Vergleich der Bilder. Fast alle Bilder sind ohne Anpassungen und Entwicklungsschritte aus dem RAW per Capture One 12 exportiert. Dort, wo Anpassungen vorgenommen wurden, ist dieses vermerkt!
Das erste Bild ist ein gutes Beispiel, welches die Entwicklungen der letzten Jahre hinsichtlich Gegenlichtempfindlichkeit zeigt. Beide Objektive wurden um eine mögliche Blendenraste auf Blende 4 abgeblendet.

Während das Voigtländer 21mm / 1:3.5 Color Skopar asphärisch vollständig unbeindruckt vom von vorne einfallenden Sonnenlicht ist, zeigt das Minolta MC W. Rokkor Flares und deutliche Schwächen beim Kontrast. Und bevor jetzt der MD-Adapter in Verdacht gerät – der ist von Novoflex und über jeden Zweifel hinsichtlich Reflexionen verursacht durch die Innenseite des Adapters erhaben. Hierzu ein Vergleich in einer 100%-Ansicht:

Vergleich 100%-Ansicht bei F4

Hierzu auch ein Vergleich des Laubs in den Ecken bei 100% und F4 bzw. F8:

Vergleich 100%-Ansicht bei F4

Das ändert sich auch nicht wirklich bei Blende 8. Beim Minolta MC W. Rokkor 21mm verbessert sich zwar der Kontrast, aber Flares und Gegenlichtempfindlichkeit bleiben:

Auch hierzu ein Vergleich bei 100% und F8:

Vergleich 100%-Ansicht bei F8
Vergleich 100%-Ansicht bei F8

Das nächste Motiv gibt Aufschluss über Farbgebung und Bokeh, wobei Letzteres bei 21 mm nicht wirklich eine Rolle spielt.

Ich hätte nicht erwartet, dass mich hier die eigentlich legendäre Farbgebung der Minolta-Objektive enttäuscht, aber das Gelb im Lack und auch die Farben im Abarth-Zeichen des Fiat 500 beim Voigtländer lassen mich auch hier den Punkt an das Voigtländer vergeben. Bei Schärfe und Mikrokontrast kann das Minolta MC W. Rokkor jedoch überraschenderweise auch an einer 61 Megapixel-Kamera gut mithalten. Hinsichtlich Bokeh muss ich sagen, dass mir hier das Minolta besser gefällt und ein etwas weicheres Bokeh erzeugt.

100%-Ansicht bei F4

Interessant ist auch der Vergleich des Bokeh und der Abbildungsleistung in den Ecken. Hierzu die obere rechte Ecke bei F4 und weiter unten bei F8:

100%-Ansicht bei F4

Dieser Effekt verschwindet natürlich bei Blende 8, wo sich interessanterweise auch an der Schärfe nichts mehr tut.

100%-Ansicht bei F8
100%-Ansicht bei F8

Interessant finde ich allerdings auch, dass das Minolta MC W. Rokkor 21mm etwas anders abbildet, also eher in Richtung 23 mm, denn bei der Ausrichtung auf das Abarth-Zeichen als Mitte des Bildes, zeigt das Minolta etwas weniger von der Umgebung.

Werfen wir noch einen Blick auf die Objektivfehler wie Verzeichnung oder Schärfe- und Helligkeitsabfall zum Rand hin. Zuerst einmal bei Blende 4 – die dunkle Stelle oben links hat damit jedoch nichts zu tun, denn das ist der Schatten einer Lampe:

Neben der etwas anderen Farbgebung sieht man in der oberen rechten Ecke deutlich den Helligkeitsabfall beim Minolta – nichts von großer Bedeutung, denn diese Vignettierung ist in Lightroom oder Capture One schnell korrigiert. Deutlicher fällt da schon der Unterschied in Schärfe und Kontrast auf – auch bereits in dieser kleineren Ansicht und dann ganz sicher in der 1:1-Ansicht.

100%-Ansicht bei F4

Bei Blende 8 sieht der Vergleich dann so aus:

100%-Ansicht bei F8

Bei Blende 8 lässt der Helligkeitsabfall beim Minolta nach, aber der Zugewinn an Schärfe und Kontrast ist eher gering und auch an der grünstichigen Farbgebung ändert sich nichts.

Mein klares Fazit bei 21mm: An einer 24 MP-Kamera wie einer A7III ist das 21mm Minolta MC W. Rokkor-NL F2.8 vielleicht noch eine Alternative, aber an einer hochauflösenden Kamera wie der A7RIV mit 61 Megapixel sieht man den Unterschied zwischen dem Altglas und dem Voigtländer 21mm/1:3.5 Color-Skopar bei Schärfe und Mikrokontrasten noch deutlicher. Die Schwächen des Minolta 21mm bei Kontrast im Gegenlicht, Streulichempfindlichkeit, sowie bei Farbgebung und Helligkeitsabfall zum Rand bleiben aber auch bei einer Kamera mit geringerer Auflösung bestehen.

Die 1:1-Ansichten zu den Bildern mit 21mm könnt ihr in dieser Flickr-Auswahl aufrufen und anschauen: https://www.flickr.com/photos/joerg_haag/shares/A3i612

Leichtes Weitwinkel 35mm

Minolta MD W. Rokkor 35mm F2.8
vs.
Sony Sonnar T* FE 35mm F2.8 ZA

35mm ist eine meiner Lieblingsbrennweiten wenn es nicht gerade um Portrait geht; aber für Citywalks, Streetfotografie und Reportage ist diese Brennweite ideal, denn sie stellt die eigentliche Handlung wunderbar in den Zusammenhang mit der Umgebung:

Berlin 2015
Hört mich jemand ?
Größenvergleich der beiden 35mm-Objektive

Bei diesen beiden Objektiven sieht es mit dem Größenvergleich dann doch etwas anders aus. Wenn man sich den notwendigen Adapter zum Ausgleich des Auflagenmasses wegdenkt, dann sind die beiden 35mm-Objektive in etwas gleich groß – also nicht wie bei den beiden 21mm-Objektiven. Hinsichtlich der Konstruktion sind die beiden Objektiv auch recht ähnlich, denn das Minolta verfügt über 5 Linsen in 5 Gliedern und das Sony FE über 7 Linsen in 5 Gliedern, was sich vermutlich positiv im Gegenlicht auswirken wird. Diese Verhalten wollen wir uns dann auch direkt als erstes anschauen:

Wie erwartet produziert das Minolta MD Sonnenreflektionen im Bild, während sich das Sony Sonnar T* FE 35mm F2.8 ZA von der direkten Sonne im Bild unbeeindruckt zeigt. Auch an dieser Stelle der Hinweis, dass der Novoflex-Adapter frei von Reflektion durch die Innenseite des Tubus ist. Die 100%-Ansicht der Reflektion im unteren Bildbereich sieht so aus:

100%-Ansicht bei F2.8

Wie sieht das nun bei Blende 8 aus:

100%-Ansicht bei F8

Bei beiden Objektiven nimmt der Kontrast beim Schließen der Blende überraschenderweise etwas ab. Interessanterweise produziert das Sony Sonnar T* FE 35mm F2.8 ZA nun auch leichte Flares, die beim Minolta MD Rokkor 35mm F2.8 weiter bestehen bleiben, jedoch etwas stärker und schärfer abgebildet werden.

Der nächste Vergleich zeigt eine 100%-Ansicht eines neuen Motivs (Royal-Enfield-Emblem) bei F2.8 und F8. Dieser Vergleich ist sehr aufschlußreich, denn er zeigt die starke Leistung des Minolta MD W.Rokkor 35mm F2.8:

100%-Ansicht bei F2.8
100%-Ansicht bei F8

Vergleichen wir mal das Bokeh im direkten Vergleich bei Offenblende und Blende 8:

Mal abgesehen davon, dass die Bildausschnitte nicht 100% identisch sind, sehen sich die Bilder hinsichtlich Unschärfeabbildung im Hintergrund, Farbgebung, Schärfe und Kontrast doch sehr ähnlich, wie die weiter unten verlinkten Bilder in voller Größe bestätigen werden.

Hinsichtlich Verzeichnung, Vignettierung und Schärfeabfall zum Rand geben die nachstehenden Vergleiche bei Offenblende und F8 Aufschluß:

Bei diesem Motiv ist eine Sache sehr interessant. Vergleicht man die untere linke Ecke bei F2.8 und F8, so fällt auf, dass das Sony bei F8 in der Schärfe eher nachlässt, während das Minolta deutlich zulegt.

100%-Ansicht bei F2.8
100%-Ansicht bei F8

Das könnte mit der sogenannten, förderlichen Blende zusammenhängen, also mit der Blende, bei der die Objektive die beste optische Leistung abliefern. Zu Zeiten der Minolta Objektive lag diese eher bei F8, während sie bei moderneren Objektiven eher näher an die Offenblende herangerückt ist. Vielleicht habe ich aber auch nur ein schlecht zentriertes Exemplar des Sony Sonnar T* 35mm F2.8 ZA und habe diese Schwäche bisher einfach nur übersehen, denn die Schärfe in der Mitte ist bei F8 bei beiden Objektiven fast identisch:

100%-Ansicht bei F8

Tatsächlich kann ich hier, abgehen von einer leicht anderen Farbgebung, keine Unterschiede in Schärfe, Kontrast, Vignettierung oder Verzeichnung feststellen und komme insgesamt bei 35mm zum Fazit, dass sich das Minolta MD Rokkor 35mm F2.8 sehr gut schlägt, wenn nicht sogar gleichwertig ist und lediglich im Gegenlicht ein paar Punkte einbüßt.

Alle Bilder zum Vergleich bei 35mm findet ihr in der folgenden Flicker-Auswahl: https://www.flickr.com/photos/joerg_haag/shares/Cy2256

Ausblick

Im nächsten Teil der Reihe schaue ich mir folgende Objektive an:

Minolta MD W. Rokkor 50mm F1.4 @ F1.8
vs.
Sony FE 55mm F1.8 ZA

und

Minolta MD W. Rokkor 85mm F2
vs.
Sony FE 85mm F1.8

Der 3. Teil widmet sich den Zoom-Objektiven:

Minolta MD 28-85mm F3.5-4.5
vs.
Sony FE 24-105mm F4 G OSS
vs.
Minolta MD 35-105mm F3.5-4.5

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J. Haag

Ich bin 1967 geboren und am Rande der Eifel in Oberelvenich und in der Natur aufgewachsen. Seit 1988 beschäftige ich mich mit der Fotografie.

Fotografie bedeutet für mich Entspannung und Abenteuer zu gleichen Teilen. Seit den ersten analogen Bildern begleiten mich Kameras und Objektive von Minolta und nach der Übernahme durch Sony bin ich dem System treu geblieben.

Heute nutze ich neben spiegellosen Systemkameras mit Kleinbildsensor auch wieder analoge Kameras im Kleinbild- und Mittelformat sowie Sony Cybershot-Kameras mit 1"-Sensor für meine fotografischen Arbeiten, wobei ich den elektronischen Sucher der Sony-Kameras besonders schätze.

3 Kommentare

  1. Erhard

    Vielen Dank für diesen beeindruckenden Bericht, insb. das Tankemblem der Royal Enfield und die Front des Fiat Abarth zeigen die Scharfzeichnungen auch bei der hochauflösenden A7R IV sehr gut. Bin gespannt, wie es mit den 85mm Brennweiten weitergeht ! Gegen das Sony FE 55/1.8 ZA müßte ich nun mein Rokkor PG 58/1.2 antreten lassen 🙂

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